Wanderungen zu den einsamen Bergdörfern der Alta Garrotxa

Keine Autos, keine Züge, keine Menschen weit und breit. Nur die Glocken einer Herde junger Kühe durchbrechen die Stille der Berge. Es ist angenehm friedlich hier oben in der Alta Garrotxa. Die Täler und Berge in diesem Teil der Pyrenäen sind selbst vielen Katalanen total unbekannt. Wanderer kommen meist bis zu den Vulkanen in der südlichen Garrotxa, oder gehen gleich weiter westlich in die Berge des Ripollés, wo die Pyrenäen höher sind. Dort liegen auch größere Orte wie Camprodon und Ripoll. Die größten Dörfer in der Alta Garrotxa bestehen aus einer Handvoll Häusern und einer Kirche. Der Rest sind abgelegene Masias in unwegsamem Gelände. Beget ist der größe und bekannteste Ort dieser abgelegenen Ecke der Pyrenäen. Im 18. Jahrhunderte lebten hier fast 700 Einwohner, heute zählen sie gerade mal an die zwanzig.

alta garrotxa

Der Name „Garrotxa“ kommt eigentlich von „terra de mala petja“. So nannten die Leute früher eine Gegend, in der es sehr beschwerlich war, sich fortzubewegen. Denn vor allem die Alta Garrotxa ist nicht nur sehr abgelegen, sondern auch nicht so einfach zu Durchwandern. Hier solltest Du den Weg besser kennen und wissen, wo Du hingehst, sonst kann es Dir durchaus passieren, dass Du plötzlich an einem Abgrund stehst, weil Teile des Weges weggebrochen sind. Viel zu oft müssen die Helikopter hier unvorsichtige Leute aus den Bergen holen, die sich rettungslos verlaufen (kein Handy-Empfang!) oder den Knöchel gebrochen haben. Es gibt wunderbare Landschaften, atemberaubende Aussichten, aber wer sich nicht auskennt, sollte vorsichtig sein. Am besten machst Du Dich mit einem Local Guide auf den Weg, um die Gegend zu erkunden. Das ist nicht nur sicherer, sondern Du siehst einfach auch viel mehr!

alta garrotxa Zwischen der Serra de Bestracà und la Vall d’Hortmoier liegt die Cresta del Ferran.

Genau deswegen bin ich mal wieder mit Beth unterwegs, die diese Berge wie ihre Westentasche kennt. Sie hat mich schon öfter durch die Vulkanlandschaften begleitet und weiß gefühlt alles über die Garrotxa. Sie kennt wirklich jeden Stein, macht sich mich auf Pflanzen und Schmetterlinge aufmerksam, die ich vermutlich alleine übersehen hätte, und erklärt mir wie diese Landschaft überhaupt entstanden ist. Wie die Erde sich einst gehoben und gesenkt hat, welche Gesteinsschichten hart oder porös sind und was das für Auswirkungen auf die Pflanzen und die Umgebung hat. Gemeinsam wandern wir zu den Ruinen alter Burgen, in hübsche kleine Dörfer, zu einsamen Kirchen oder romanischen Brücken.

pont roma

Wem das zu langweilig ist, der kann sich beim Trepitja Garrotxa anmelden. Das ist ein Ultra Trail Run, der durch die gesamte Alta Garrotxa verläuft. Die Strecke startet und endet in Oix. Die Läufer sollen die 84 Kilometer und 4750 Höhenmeter (!) in weniger als 19 Stunden zurücklegen – zu Fuß braucht man dafür mehrere TAGE!  Für mich ist das definitiv nichts, aber jedem das Seine. Es ist wirklich etwas ganz anderes, sportlich durch die Berge zu eilen, oder ganz gemütlich und aufmerksam die Landschaft um sich herum kennenzulernen.

Pont de Llierca
In 28 Metern Höhe überquert eine steinerne Brücke den Llierca. Auf dieser schmalen Straße überquerten im Mittelalter nicht nur Fußgänger, sondern auch Maulesel und schwer beladene Ochsenkarren den Fluss. Vermutlich wurde diese Brücke im dreizehnten Jahrhundert gebaut, einer Zeit, in der ein wahrer Brückenbauboom in der Gegend herrschte. Bis dahin hatte man noch alte Römerstraßen und ihre Viadukte benutzt. Doch mit der Zeit wuchs die Bevölkerung und der Bedarf Flüsse zu überqueren. Man geht heute davon aus, dass die Bauherren, die die Brücke in Auftrag gaben von den Händlern und Bauern eine Gebühr verlangten. Damals gab es also auch schon Mautstellen, genau wie heute an den Autobahnen.

alta garrotxa

Unter der Brücke plätschert das Wasser des Lliercas durch das kleine Tal. Das Besondere an diesem Gebirgsfluss ist, dass er irgendwann einfach verschwindet. Aufgrund der Zusammensetzung der Gesteinsschichten sickert immer mehr Wasser in die Erde, bis der Fluss schließlich nicht mehr da ist. Unterirdisch fließt sein Wasser aber weiter bis nach Banyoles  wo es dann den See speist. Das weiß man, weil jedes Mal genau dann, wenn es hier oben in den Bergen regnet und der Llierca viel Wasser trägt, der Wasserspiegel des Estany de Banyoles ansteigt.

Ein Geheimtipp ist die schöne Brücke allerdings nicht mehr. Nur wenige Kilometer vor Olot gelegen, ist das Flussbett unter der Brücke so etwas wie der Strand der Garrotxa geworden. Im Sommer kommen viele Leute zum Baden hierher. Wenn Du von der Brücke aus weiter Richtung Norden fährst oder wanderst, kommst Du zur Vall de Sant Aniol. Die Strecke bis zur kleinen Kirche Sant Antiol d‘Agujes führt vorbei an teilweise sehr bröseligen Felswänden voller Höhlen. Zum Wandern und besonders für Kletterer soll dieser Weg echt toll sein. Für uns geht es heute aber erstmal in die andere Richtung weiter.

Sant Andreu de Bestracà
Einer der schönsten Wege, die Beth mir in diesen Tagen zeigt, ist der Wanderweg von Oix nach Sant Andreu de Bestracà. Die Aussicht ist einfach umwerfend schön. Ganz oben bei der alten Kirche angekommen, kann ich sogar noch Empuriabrava und Roses erkennen. Errichtet wurde die romanische kleine Kirche im zehnten Jahrhundert. Zu dieser Zeit lag hier auch ein kleines Dorf und direkt dahinter eine Burg, von der heute allerdings nur noch ein paar Steine zu sehen sind. Im fünfzehnten Jahrhundert soll sich hier eine lustige Begebenheit zugetragen haben. Die Burg gehörte da längst nicht mehr der Familie Bestrac, sondern einem Berenguer de Barutell.

Sant Andreu de Bestracà alta garrotxa

Der Burgherr hatte eines Tages einen hörigen Bauern einsperren lassen. Die geknechten Untertanen auf dem Land hatten sich in der Revolta del remences gegen die Feudalherrschaft erhoben. Francesc de Verntallat, ein Anführer der Aufständischen, überfiel die Burg und befreite den Bauern mit einer Handvoll seiner Leute. Vor Schreck darüber, wie leicht die kleine Festung zu stürmen war, verließ die Familie die Burg und errichtete ein neues “Castell” in Oix. Dieses Castell steht noch heute dort, ist aber in Wirklichkeit gar keine Festung, sondern eine massiv gebaute Masia. Nachdem die Burg verlassen war, geriet auch die kleine Kirche langsam immer mehr in Vergessenheit und steht heute ganz allein hier oben auf dem Berg.

Sant Andreu de Bestracà alta garrotxa

Sant Andreu de Bestracà alta garrotxa

wanderwege alta Garrotxa

Oix
Unten in Oix kann man von der alten romanischen Brücke aus das „Castell“ prima erkennen. Früher führte die Hauptstraße nach Oix über eben diese pont romà, doch heute endet die Brücke im Nichts, denn Felder und Äcker haben den Weg umgeleitet.

pont roma Oix

Kurz hinter Oix liegt eine niedliche kleine Masia in der ich übernachte. Montse hat vor ein paar Jahren das alte Landhaus renoviert und zu einem rustikalen kleinen Hotel umbauen lassen. Sieben liebevoll eingerichtete Zimmer gibt es hier und abends wird für alle gekocht.

Masia Can Pei 
17855 Oix (Alta Garrotxa), Girona
Website: www.canpei.net

can Pei Hotel Oix

Infos Alta Garrotxa:

Das geologische Gebiet der Alta Garrotxa erstreckt sich von Sant Pau de Seguries bis Albanyà und verteilt sich auf die drei Comarcas Alt Empordà, La Garrotxa und Ripollès.

An den Geschichten über das Castell de Rocabruna, Beget und die vulkanische Küche der Dörfer Castellfollit und Santa Pau schreibe ich gerade noch.

Mich haben die Naturlandschaften dieser einsamen Gegend echt begeistert. Wenn Du wissen willst, welche Strecken Du mit Beth sonst noch so laufen kannst, dann guck einfach mal hier trescalia.com. Für mich hat sie ein paar ganz individuelle Routen zusammengebastelt.

Spannender Blog: Chris Upson hat die Ruta Transpirenaica (den G11) in 23 Tagen gemacht: Einmal quer durch die Pyrenäen www.gr11blog.blogspot.com

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