Von Brotkrumen der Hirten und Käse aus dem Valle de Roncal

Der erste Schnee. Ganz oben in den Pyrenäen stehe ich plötzlich drin, im Schnee. Heute Morgen sind wir in Pamplona losgefahren. Nur vierzig Minuten später ist Winter und ich bin umringt von schneebedeckten Bergen, die in den blauen Himmel ragen.

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Mesa de los tres Reyes

„Dort entlang verläuft die Grenze zu Frankreich“, sagt Gorka und zieht mit dem Finger eine Linie entlang der Gipfel. Gorka ist nicht nur Wanderguide, sondern auch Vogelkundler. Sein Job ist es, die vielen Zugvögel, die hier rasten, bevor sie über die Pyrenäen fliegen, zu zählen und zu beobachten. Deswegen hat er auch immer ein Fernglas dabei.

wandern in den Bergen Pyrenäen navarra spaniender spitze Gipfel hinten:  Pic d’Anie – Frankreich

Der Norden Spaniens stand im Gegensatz zu den südlichen Regionen gar nicht oder nur sehr kurz unter maurischer Herrschaft. Wie auch in weiten Teilen Kataloniens konnte sich in den Bergregionen der Pyrenäen die maurische Kultur nicht lange genug halten, um ältere Bräuche und Traditionen zu überdecken. Die Menschen lebten eher Richtung Norden orientiert, in engem Kontakt zu den Bewohnern diesseits der Pyrenäen. Über die nahe gelegene Bizkaia trieben sie Handel mit anderen Kulturen, wie dem heutigen Irland, Deutschland oder den Niederlanden. Der nordeuropäische Einfluss wirkte sich auf die Menschen Navarras aus.

Mittlerweile sind wir an einem Stein angekommen. Im Hintergrund erhebt sich der Pic d’Anie, die höchste Erhebung der westlichen Pyrenäen. Doch der Gipfel liegt schon nicht mehr auf spanischem Boden, sondern in Frankreich. Der Grenzstein vor uns markiert den Punkt, an dem in früheren Jahrhunderten drei Königreiche aufeinandertrafen, nämlich das Reich der Franken, Aragón und Navarra.

mesa de los tres reyes-navarra-spanien Hiru Errege Mahaia – Mesa de los tres reyes

Jedes Jahr treffen sich die Anwohner des Valle de Roncal und die Bewohner des französischen Béarn um die Nutzungsrechte der Weideflächen untereinander aufzuteilen. Natürlich findet zu der feierlichen Zeremonie auch ein großes Volksfest statt, el tributo de las tres vacas, bei dem die Bewohner aller umliegenden Dörfer gemeinsam essen, trinken und feiern.

Ein kalter Wind weht hier oben, jetzt im November. Die Luft ist so wunderbar klar, dass ich weit in die Ferne sehen kann. Doch heute strahlt die Sonne und erwärmt mich. Ich atme langsam aber tief ein. Meine Lungen füllen sich mit dieser wunderbar frischen Luft. Es fühlt sich so schön gesund an hier oben in den Bergen einfach nur ganz tief Luft zu holen. Gleich noch einmal. Ich atme und blicke hinunter ins Tal. Die stille Landschaft wirkt total beruhigend. Die Berge strahlen eine unglaubliche Ruhe aus. Pinos negros, Bergkiefern erstrecken sich über das Karstgebirge. Gorka meint, das Gestein sei sehr weich, daher gäbe es hier viele Höhlen. Im Winter muss man manchmal aufpassen, da der Schnee solche Gruben oder Höhlen leicht verdecken kann.

    

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Valle de Belagua

Statt die Höhlen zu erkunden fahren wir zu einem Dolmen im Valle de Beluga. Vor über dreitausend Jahren müssen Hirten, oder wovon die Menschen hier auch immer damals gelebt haben mögen, diese mächtigen Steine zu einem Monument aufgerichtet haben. Vermutlich war Arrako einst eine Grabstätte oder ein heiliger Ort. Erst sehr viel später kamen christliche Missionare und bauten geschickterweise eine Kapelle ganz in die nähe dieser paganen Kultstätte. Vermutlich sollte es den Menschen dadurch leichter fallen, den neuen Glauben anzunehmen. Eine Strategie, die die katholische Kirche in der ganzen Welt verfolgte.

dolmen

Die Landschaft im Tal von Roncal ist von den Naturgewalten während der Eiszeit aber auch von den Menschen geprägt, erklärt Gorka. Jahrhundertelang holzten sie die oberen Wälder ab, um Weideflächen für ihre Herden zu schaffen. Im Sommer trieben die Männer die Tiere auf die hohen Weiden in den Bergen, im Winter trieben sie sie wieder hinab ins geschützte Tal.

Diese Lebensweise führte auch dazu, dass die Kultur der Bergdörfer eher matriarchalisch geprägt ist. Die Männer waren wochen- oder monatelang unterwegs und die Frauen mussten zu Hause auf sich selbst aufpassen, Haus und Hof allein bewirtschaften und auch verteidigen können.

Hier oben in den Bergen lebten die Menschen immer sehr naturverbunden. Das ist noch heute so. Auch der Einfluss der baskischen Kultur ist im nördlichen Navarra sehr stark zu spüren. Nicht nur die Sprache auch alte Bräuche und Traditionen sind hier sehr lebendig. In der baskischen Mythologie gibt es zum Beispiel einen jediartiger Waldgott, den Basagaun, aber vor allen Dingen viele weibliche Göttinnen. Da ist Mari, die wichtigste Göttin, die für Wind und Wetter zuständig ist, Ekhi die Sonne, Ilargi „die“ Mond, Lur die Göttin der Erde oder Amilamia, die Göttin der Nächstenliebe.

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Frische Luft macht hungrig und so ist es bald auch Zeit zum Mittagessen. Gorka führt uns zu einer alten Schäferhütte. Seit zweihundert Jahren werden hier die müden und hungrigen Wanderer mit einem rustikalen Mahl versorgt. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts führte hier einer der wichtigsten Wege nach Frankreich entlang und so entstand 1820 die Hütte Juan Pito als Herberge und Raststätte für die Arbeiter und Hirten.

Sobald ich das kleine Restaurant in den Bergen betrete, bin ich total hin und weg. Schöne dunkle Holztische und Bänke, die aussehen, als stünden sie schon seit über hundert Jahren hier, gehäkelte Gardinen und ein liebevoll gedeckter Tisch.

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Das Essen ist selbstverständlich rustikal, nach Schäfers Art. Es gibt einen einfachen Salat, eine Suppe und Brotkrümel, migas de pastor. Dieses traditionelle Hirtenmahl besteht aus trockenem, eingeweichten Brot, das die Schäfer in Schmalz gebraten und mit etwas Speck oder Schinken und ein paar Gewürzen, die sich bei sich hatten, zu einer krümeligen Beilage verarbeitet haben. Als Hauptspeise, wie kann es anders sein, gibt es cordero, Lammfleisch. Zum Nachtisch gibt es leckeren Roncal Käse und ich bestelle mir noch eine cuajada, eine Art Joghurt aus Schafsmilch mit etwas Honig. Lecker!

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queso roncal Pyrenäen navarra spanienQueso Roncal – traditioneller Schafsmilchkäse aus dem Valle de Roncal 

Der Queso Roncal ist in Spanien ein total beliebter Schafsmilchkäse, der aus diesem kleinen Tal in den Pyrenäen stammt. Hier gibt es auch eine ganz eigene Schafrasse, die oveja latxa. Die Wolle dieser Schafe ist den klimatischen Bedingungen angepasst und daher sehr rau und fetthaltig. Zur Verarbeitung als Wolle ist das Schafsfell also nicht zu gebrauchen, aber dafür ist ihre Milch sehr lecker.

Nach dem Essen fahren wir weiter in Richtung Süden. Unzählige, wunderschöne Wanderwege führen über alte romanische Brücken, zu kleinen Wasserfällen oder in tiefe Schluchten. Manchmal machen die Pilger auf dem Jakobsweg auch extra einen kleinen Umweg um einige dieser hübschen Wege zu laufen. Am liebsten würde ich jetzt gleich loswandern.

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Foz de Arbaiun –  oder Foz de Arbayún

Eine der schönsten Schluchten im Valle de Roncal ist die rund sechs Kilometer lange Schlucht von Arbaiun. Der Rio Salazar hat hier im Laufe vieler Jahrtausende einen imposanten Canyon gegraben. Millimeter für Millimeter hat sich der unschuldig plätschernde Fluss seinen Weg durch das Gestein gearbeitet. Nun geht es hier tiefer in die Erde hinab, als der Eiffelturm hoch ist!

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In dem Naturschutzgebiet leben viele Greifvögel. Gänsegeier kreisen dicht über unseren Köpfen! So nah habe ich die imposanten Vögel noch nie gesehen! Hier gibt es richtig viele davon. Aber natürlich sind sie viel zu schnell für mich, um ein gutes Foto hinzukriegen. Schade. Für die Vogelfreunde unter Euch: Auch Lämmergeier, Schmutzgeier und Adler fliegen hier in der Schlucht.

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Schlucht von Lumbier –  Foz de Lumbier

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Durch einen alten Eisenbahntunnel gelangen wir in eine andere Schlucht. Zu Fuß gehen wir durch den langen dunklen Tunnel, auf dem früher Züge Richtung Osten fuhren. Auf der anderen Seite stehen wir endlich wieder im Tageslicht. Fast wie bei Alice im Wunderland. Steil ragen die Felswände hier in den Himmel. Die Gänsegeier fliegen im Tal. Sie haben wohl ihre Nester in den Felsen. Ich klettere kurz hinunter zum Fluss, der wie ein Spiegel die blaugrauen Steinwände reflektiert.

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Gallipienzo

Diese Schluchten waren im Mittelalter schwer überwindbare Hindernisse. Hier entlang zog sich die Grenze zwischen dem maurischen und dem christlichen Teil der Iberischen Halbinsel. Das Königreich Navarra hatte längs dieser Grenze einen Befestigungsgürtel aus Klöstern, Dörfern und Wehrtürmen errichtet, um ein Vorrücken der maurischen Truppen zu verhindern.

gallipienzo

Eines dieser Wehrdörfer ist Gallipienzo Viejo. Nachdem die Menschen irgendwann weggezogen waren, weil es lange Zeit keinen Strom hier oben gab, verfiel das Dorf immer mehr. Bald wohnten von einst tausend nur noch dreißig Einwohner hier. Doch nach und nach kamen die Menschen zurück und renovierten die alten Gebäude. Eines der fast schon verfallenen Häuser haben Patxi und Ramón vor einigen Jahren restauriert und zu einem wunderschönen kleinen Hotel umgebaut. Liebevoll mit vielen kleinen Details sind die Räume und einzelnen Zimmer eingerichtet.

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Als wir dort abends ankommen ist es schon dunkel, doch als ich am nächsten Morgen aufwache, kann ich mich gar nicht satt sehen. Von der kleinen Terrasse aus blicke ich ins Tal hinunter. Oben am Hang fallen die ersten Sonnenstrahlen auf das Dorf, das über mir am Berghang klebt. Die ganze Landschaft ist in ein warmes, herbstliches Licht getaucht. Zu schön! Während oben im Dorf ein paar Hunde heulen, höre ich wie sich Ramón schon in der Küche zu schaffen macht. Bald zieht mir Kaffeeduft in die Nase und ich mache mich auf den Weg zum Frühstück.

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Mehr Infos zum Valle de Roncal

Die Pyrenäen erheben sich im östlichsten Teil Navarras, in der Comarca Roncal-Salazar. Das Roncal Tal grenzt im Osten an Aragón, im Norden an die französische Region des Béarn (wo man übrigens neben Französisch (noch) eine alte gaskonisch-okzitanische Sprache, das Béarnais oder Biarnés spricht).

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Essen:

Ein Rezept für die Migas de Pastor findest Du auf der Seite Turismo Navarra: Migas-de-Pastor


Juan Pito
Puerto de la Belagua, s/n
31417 Isaba (Navarra)
Website:  www.ventadejuanpito.com


 

Unterkunft:
Heredad Beragu Hotel
Calle el Abrigo, 12
31493 Gallipienzo viejo (Navarra)
Website: www.heredadberaguhotel.com

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Wanderrouten:
Karst de Larra www.rutasnavarra.com
Dolmen de Arrako (Ruta Pax Avant): dolmen-de-arrako-valle-de-belagua

Baskische Mythologie:
Wikipedia: Baskische Mythologie

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise, zu der ich von Turismo Navarra eingeladen wurde. Die hier dargestellte Meinung ist davon unbeeinflusst und beruht ausschließlich auf meinen ganz persönlichen Ansichten. 

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