Brno, Špilberk, ein Drache und Lola, der Mops

Am nächsten Morgen schneit es in Brno. Eigentlich wollte ich einfach nur ein paar Stunden zu Fuß durch die Altstadt laufen, aber bei dem Schneegestöber ist das kaum möglich. Michail, mit dem ich am Morgen von Rousinov nach Brno gefahren bin, will mich nicht ohne Schirm in dieses Sauwetter lassen. Wie ein fürsorglicher Vater klappert er – extra für mich – diverse Läden ab, um mir einen Regenschirm zu besorgen. Nach einer gefühlten Ewigkeit wird er fündig und entlässt mich nun beschirmt in das ungastliche Wetter. Ziemlich schnell stelle ich fest, dass Michail natürlich recht hat: Bei dem Schneeregen macht es nicht wirklich Spaß, durch die leeren Straßen zu laufen.

Schnee in Brno

Zentrum altstadt Brno im Schnee

Auf dem eigentlich ziemlich schönen, zentralen Platz der Altstadt steht ein lustiger schwarzer Phallus, der so gar nicht in seine Umgebung passen will. Später erklärt mir Adam, ein Neffe von Stanis, meinem Schwager, dass das Gebilde aus schwarzem Marmor eine Uhr ist. Wie sie genau funktioniert habe ich allerdings nicht verstanden.

Ich schaffe es jedenfalls noch den legendären Drachen zu finden – ein Krokodil, das seit über hundert Jahren unter der Decke der Stadthalle hängt. Der „Drache von Brünn“ soll nämlich die Einwohner der Stadt in Furcht und Schrecken versetzt haben, bis ein tapferer Metzger das Tier mit einem Trick erlegte. Einer anderen Legende nach war der Retter ein mutiger Prinz. In jedem Fall wurde der tote Drache ausgestopft und für immer aufgehängt.

Drache Brno Krokodil

Dann flüchte ich mich zum Aufwärmen in ein kleines Café: Das „Skog“ ist skandinavisch eingerichtet, dänisch oder so. Es ist echt hübsch, liegt direkt gegenüber vom alten Rathaus und es ist kuschelig warm und trocken hier drin. Ich bestelle mir einen Cappuccino und warte auf den Rest der Familie.

skog Bar Cafe Brno

Als alle eingetrudelt sind, hat auch Frau Holle ein Einsehen und lässt die Kissen endlich in Ruhe. Es schneit nicht mehr und die Sonne wagt sich vorsichtig hinter den Wolken hervor. Wir machen Pläne für den Tag. Während Michi heute arbeiten muss, geht ein Teil der Familie die Vila Tugendhat besichtigen und ich gehe mit Adam auf die Špilberk (ausgesprochen Spielberg, wie der Regisseur), eine alte Festung, die auf einem Hügel mitten in Brno liegt.

brno holzpuppen schaufenster

ostern Peitschen Tschechien Brno

Auf unserem Weg zur Burg kommen wir an einem kleinen Stand vorbei, an dem österliche Dinge verkauft werden: Ostereier und Peitschen. Peitschen? „Ja“, erklärt mir Adam. „Zu Ostern schlagen die Männer die jungen Frauen ganz zart und leicht mit solchen Peitschen auf den Po. Das soll gut sein für die Fruchtbarkeit.“ Nein, was es nicht alles gibt. Ein merkwürdiger Osterbrauch. Aber gut.

Als wir den kleinen Park am Fuß des Burgbergs erreichen, huschen gerade drei Eichhörnchen, zwei braune und ein schwarzes, blitzschnell durch das Gebüsch. Ich versuche sie mit meiner Kamera zu erwischen, bevor sie in einem Baumgipfel verschwinden können. Gar nicht so einfach. Die sind echt flink.

Brno eichhörnchen

In einem Teil der Burg, in den den Kasematten, war früher ein Gefängnis untergebracht. Im oberen Teil finden verschiedenen Ausstellungen statt. Jetzt gerade gibt es eine Ausstellung über das Werk zweier tschechischer Künstler: Jan und Kája Saudek. Wir beschließen, beides anzusehen.

Kasematten Brno Gang

Die Kasematten bestehen im Grunde genommen aus einem ringförmig angelegten Gang mit verschiedenen Zellen im Untergeschoss der Burg. Es ist saudunkel und kalt hier unten. Trotz der Mauern sieht es teilweise so aus, als seien die Zellen direkt in den Felsen gehauen worden. In den Kasematten gefangen zu sein war sicher nicht lustig. Jetzt ist es immerhin schon April, ich möchte gar nicht wissen, wie kalt es hier im Winter sein muss. In den einzelnen Zellen sind Puppen aufgestellt, die anschaulich zeigen sollen, wie es früher ausgesehen hat und wofür die einzelnen Räume benutzt wurden.

kasematten Spielberg Brno

Zwanzig Gegangene teilten sich eine Zelle mit einer Art Holzpritsche als Massenbett. In einer der Zellen steht eine Streckbank und ein “Gefangener” hängt unter der Decke. Das muss wohl die Folterkammer sein. Laut der kleinen Broschüre, die uns die Dame am Eingang überreicht hat, ließ der habsburgische Kaiser Joseph Ende des achtzehnten Jahrhunderts in dieser Festung die schlimmsten und gefährlichsten Verbrecher gefangenhalten und auch hinrichten. Ende des neunzehnten Jahrhunderts wandelte ein anderer Kaiser die Festung in ein Militärgefängnis um. Kurze Zeit später war es vorbei mit der Monarchie und die Špilberk wurde öffentlich zugänglich gemacht.

Kasematten Brno Spielberg Spilberk

Kasematten Brno Spilberk Spielberg Wehrmacht

Erst im Zweiten Weltkrieg wurden die Gewölbe noch einmal als Gefängnis benutzt: Die Gestapo richtete sich in den Kasematten ein. Als wir nach dem dunklen Rundgang wieder ans Licht kommen, scheint zum Glück die Sonne und wärmt mich.

blick auf brno vom spilberk

kathedrale st Peter und Paul Brno

Wir gehen einmal um die Burg herum nach oben, in die Stockwerke mit der Ausstellung. Fotografieren ist allerdings verboten. Jan und Kája Saudek sind Zwillingsbrüder, die als Kinder in einem Konzentrationslager aufgewachsen sind und das glücklicherweise überlebt haben. Ich habe allerdings noch nie von ihnen gehört. Adam meint, einer der beiden, nämlich Jan Saudek, sei der bekannteste tschechische Fotograf überhaupt. Sein Bruder Kája ist Comiczeichner. Leider hatte er vor ein paar Jahren einen Unfall und liegt seitdem im Koma.

Obwohl beide Brüder verschiedene Künste gewählt haben, ist ihren Werken ein eindeutig provozierend erotischer Stil gemein. Auf den Bildern des Comiczeichners tummeln sich vorwiegend überproportional dickbusige Frauen. Auf den Bildern des Fotografen Saudek geht es noch direkter um sexuelle Provokation. Es ist eine Mischung aus Pornografie und romantischem Kitsch, verpackt in kolorierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen.

Mittlerweile schneit es wieder. Wir eilen vom Špilberk nach unten, in die Stadt und treffen den Rest der Familie. Treffpunkt ist dieses Mal das kleine Café Atlas hinter der „Roten Kirche“, im ehemaligen Gebäude der kommunistischen Partei. Von außen ist es ein eher hässlicher, schlichter Plattenbau. Drinnen sieht es ein wenig nach Uni aus. Was genau hier gelehrt wird, habe ich zwar nicht verstanden, aber in dem kleinen Café ist es gemütlich.

atlas Brno
Brno Cafe Bar Atlas

Im “Atlas” sind die Wände mit bunten Tieren, Pflanzen und Gemüsebildern geschmückt. Es sieht aus, als seien Zwiebeln, Farne, Wale und Tintenfische aus einem alten Lexikon abgemalt. Auf der Tageskarte steht heute eine fleischlose Osterspezialität aus Brot und Ei und Gemüse, erklärt Hedvika, die Chefin im Atlas. Genau das bestelle ich. Es schmeckt richtig gut und erinnert mich an italienische Frittata.

Cafe Bar Atlas Brno

Hedvika hat einen süßen Mops, Lola. Lola ist der Hit. Sie kann nicht nur Männchen machen und Pfötchen geben, sondern springt und hüpft auch auf Kommando, jedenfalls, wenn sie hinterher ein Leckerli von Frauchen kriegt.

Mops Lola Brno

schlösser Brno

Nützliche Infos:

Café Bar Atlas
Sál B. Bakaly
Žerotínovo nám. 6
602 00 Brno
Website: www.cafeatlas.cz

Skog
Dominikánské námestí 187/5
602 00 Brno
Website: www.skog.cz

Festung Spielberg
Špilberk 210/1
662 24 Brno
Website: www.spilberk.cz

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