Ein Winter in Apulien

Den Winter einfach mal woanders sein. Raus aus den vier Wänden. Das war der Plan. Statt in unserer Wohnung in Barcelona, ohne Heizung, die zwei dunklen Monate des Jahres frierend zu verbringen, hatten wir vor uns den Süden in Italiens mal ganz in Ruhe anzusehen. Der Mann arbeitet, wie zuhause auch, im Home Office, nur eben ist das nun für acht Wochen in Apulien. Ich erkunde tagsüber die Gegend, abends essen wir gemütlich und an seinen arbeitsfreien Tagen fahren wir dann zusammen los. Es fühlt sich fast an wie Urlaub.

Winter in Apulien

Zwei Monate Italien, das klingt erst mal ziemlich traumhaft. Voller Vorfreude und Aufregung packen wir an Weihnachten unser Auto voll. Und mit voll meine ich voll. Was man nicht doch alles mitnehmen muss für so einen längeren Aufenthalt. Als wir kurz vor Silvester, nach drei Tagen Fahrt, endlich im südlichsten Süden ankommen, ist es bitterkalt. Eigentlich sind in Apulien dieselben Temperaturen wie in Barcelona, aber was wir nicht wussten: hier pfeifft uns die Tramontana aus Sibirien um die Ohren! Wenn der Wind aus Nordosten weht, muss man sich warm einpacken!

Doch zum Glück sind Gianluca und Claudia da. Die helfen uns mit Feuerholz für den Kamin und einer kleinen Ölheizung aus. Abends essen wir fast immer zu viert. Der Italiener kocht. Sehr lecker! Für Experimente in der Küche ist er allerdings eher nicht so zu haben. Wir genießen also Orecchiette mit Tomatensoße -aus dem eigenen Garten-, Pasta mit Cozze, winterliches Kohlgemüse – auch sehr lecker- oder Pizza. Eben alles sehr italienisch.

Zum Glück lässt der kalte Wind bereits nach ein paar Tagen nach und es wird deutlich wärmer. Ab Februar fühlt sich der Winter schon fast wie Frühling an. In unserem kleinen Dorf ist das Leben ruhig und beschaulich. Dreihundert Einwohner mögen es jetzt im Januar sein, im Sommer werden es nur geringfügig mehr. Santa Cesarea Terme war mal ein Thermalbad, aber große Besucherströme finden irgendwie nicht hierher. Vielleicht ist das auch gut so. Denn dann wäre es wohl schnell vorbei mit der Ruhe.

Die Menschen leben hier einfach ihren Alltag. Die Oma wäscht die Wäsche (auch im Januar) draußen in einer Plastikschüssel. Eine Nachbarin füttert die Straßenkatzen. Stress kennt man offenbar gar nicht. Hier hat ein Tag noch 24 Stunden.

Als ich mit Claudia über den Markt schlendere, finde ich an den Gemüseständen viele Pflanzen, die es bei uns gar nicht gibt. Das ist das apulische Wintergemüse: Stängelkohl (Rape), Zichorie (Cicoria puntarella) und andere ähnliche Dinge, die am Wegesrand wachsen. In den kleinen Gärten sieht man neben Fenchel und Pestanaca, das sind lokale Verwandte der Karotte, viele kohlartigen Zichorien blühen. Aber auch neben den Straßen wächst oft Essbares. Manchmal sehe ich zumeist ältere Frauen, die mit Schürze bekleidet und einer Tüte in der Hand losziehen, um Grünzeug zu pflücken, das dann zu Hause in den Topf kommt.

Traditionell wird im Salento sowieso sehr viel Gemüse gegessen, erklärt mir Claudia. In den kargen Landschaften, ohne Wälder, mit nur wenig Wasser, wächst eben nicht so viel. So bestehen die traditionellen Gerichte meist auch aus Hülsenfrüchten. Fleisch hatten die Leute eher selten. Die Gegend war karg und arm. Hülsenfrüchte haben den Vorteil, dass sie günstig sind und lange halten. Darum gehören neben Kichererbsen, Bohnen, Linsen und Erbsen auch schwarze Kichererbsen, schwarze Erbsen und viele andere, besondere Arten legumi auf die salentinischen Teller.

Wintergenmüse in Apulien

Winter in Apulien gemüse

Oft kochen die Leute auch heute noch direkt im Kamin. Das Garen bestimmter Gerichte in Keramikgefäßen, direkt an der offenen Feuerstelle, hat Tradition. Als wir bei einem entfernten italienischen Verwandten vorbeifahren, wird auch dort die Wurst, eine Salsiccia mit Zitrone und Fenchel, am Kamin gekocht. Das war überhaupt ein lustiger Besuch. Ich war etwas aufgeregt, denn die Verwandtschaft von Seiten meines Vaters ist so weitläufig, dass ich Silvano mindestens 30 oder 40 Jahre nicht mehr gesehen habe. Ich war noch klein und konnte mich beim besten Willen nicht mehr an das Gesicht erinnern. Doch als meine Mama erfuhr, dass wir den Winter hier verbringen wollten, kramte sie die Adresse und eine Telefonnummer hervor. Und da standen wir dann, in einem winzigen Ort im Süden Apuliens, auf der Suche nach meiner Verwandtschaft.

Als wir die Straße finden, parken wir also das Auto und gehen den Rest zu Fuß. Weit kann es ja nicht mehr sein. Und tatsächlich, als ich nach wenigen Metern einen älteren Mann in seiner Garage werkeln sehe, erkenne ich ihn sofort wieder. Wir begrüßen uns herzlich und freuen uns total. Wir sind wohl beide erstaunt, dass ich hier aufkreuze. Natürlich laden uns Silvano und seine Frau auch zum Essen ein. Wir sind ja in Italien. Und das heißt hier an einem Sonntag es gibt mehrere Gänge! Man sollte besser Tage vorher hungern, ehe man zu einer italienischen Familie essen geht. Es ist wirklich alles unglaublich lecker, mit Liebe gekocht – aber einfach viel. Nach frischen Miesmuscheln, frittierten Cozze, Käse, Brot und einem riesigen Teller Nudeln gebe ich auf. Und das waren erst die Vorspeisen. Michi kostet sich weiter durch die Wurst und Fleischspezialitäten – aber irgendwann kann auch er einfach nicht mehr.

Bevor wir uns nach stundenlangen Austausch von Erinnerungen an das Weserbergland wieder verabschieden, packt uns seine Frau noch ein Tuch mit selbst gemachten Orecchiette ein. Silvano füllt uns einen Kanister von seinem Wein ab und eine Flasche mit hausgemachter Tomatensoße kriegen wir auch mit auf den Weg. Ich bin richtig gerührt. Wir haben uns so lange nicht gesehen und dennoch fühlt ich mich hier “in der Familie”. Schön.

käse aus apulien

ionische ziege

Winter in Apulien

Was mir am Dorfleben hier besonders auffällt, ist die Stille. Irgendwie dachte ich immer, es sei lauter in Italien. Aber das Salento ist definitiv nicht laut. Das kann natürlich auch daran liegen, das jetzt Winter ist. Wenn die Menschen im Sommer wieder an die Traumstände strömen und in den kleinen Buchten mit blauen Wasser baden wollen, wird es sicher nicht mehr so still sein. Aber ich komme aus Spanien hierher. Und Spanier sind auch im Winter laut! Der Unterschied fällt wirklich auf! Während bei uns die Menschen draußen leben und jede Art von sozialen Kontakten auf den Straßen und Plätzen zelebrieren, ist man hier im Süden Italiens fast schüchtern. Das hätte ich nicht erwartet. Ich lerne, statt sich mit Küsschen rechts und links auf die Wange zu begrüßen, gibt man sich hier lieber respektvoll die Hand. Es sei denn man kennt sich gut und ist befreundet.

Die Menschen sind alle ungewöhnlich herzlich und lieb. Es kommt mir vor, als seien sie hier genügsamer als bei uns. Sie scheinen an ein hartes, einfaches Leben ohne großen Luxus gewöhnt. Man beschwert sich nicht. Arbeit zu finden und zu behalten gilt als ein großes Glück. Dass eine feste Arbeit dann auch noch gut bezahlt wird, ist fast schon wie ein Sechser im Lotto. Ob sie nun Spaß macht oder nicht ist nebensächlich, wenn man mit dem verdienten Geld die Familie ernähren muss. Noch heute gehen deswegen viele junge Leute weg, versuchen im Norden Italiens oder in anderen Ländern ihr Glück.

fischer gallipolli

Wenn ich draußen vor unserer Tür in der winterlichen Sonne sitze, beobachte ich die Nachbarn, wie die Frau von gegenüber, die regelmäßig die Straßenkatzen füttert. Sechzehn sind es insgesamt, die sich hier zum Essen versammeln. Manche sehen schon etwas ramponiert aus. Am liebsten unterhalte ich mich mit der Oma von nebenan. Klein und bescheiden, immer ganz in Schwarz gekleidet, hat sie stets ein freundlich strahlendes Buongiorno auf den Lippen. Ein Lächeln, das bis in ihre Augen reicht. Sie freut sich glaube ich wirklich über unseren Besuch hier. Neue Gesichter, ein bisschen Abwechslung. Sonst ist ja auch nicht viel zu sehen. Der Sohn der Nachbarin ist der einzige Junge hier in seinem Alter. Wenn seine Eltern ihn mal nicht mit dem Auto fahren können, muss er mit der Vespa ins Nachbardorf fahren, um dort ein paar Freunde zu treffen.

Aber auch in den umliegenden Dörfern geht es beschaulich zu. Eine ältere Dame läuft vor mir durch die Gassen von Castro. Die weißen Haare praktisch kurz geschnitten, ganz in Schwarz, mit schlichtem Rock und Strickjacke gekleidet. Eine italienische Oma wie aus dem Bilderbuch. Nicht weit weg hocken drei ältere Herren, ebenfalls in Strickware gekleidet, auf einer Bank. Allerdings tragen die Herren kein Schwarz, sondern eher dunkelbraune oder gar beige Töne und eine Mütze auf dem nicht mehr so vollen Haar. Während der eine seinen Gehstock vor sich aufgepflanzt hat und die Hände darauf ruhen lässt, wie auf dem Griff eines Schwertes, kämpft sich ein anderer mit seiner Gehilfe langsam die Straße hinauf.

Nardo

Auch wenn die Bewohner des hintersten Winkels im Salento vermutlich gern mehr Besucher hätten, die die Geschäfte füllen und die Wirtschaft etwas ankurbeln könnten, ich bin ganz froh um die Unaufgeregtheit, die ich hier genießen darf. Es ist einfach ein seltenes Gut heutzutage, diese Genügsamkeit der Menschen, die noch immer sparsam mit allem umgehen. Meine Großeltern waren auch so. Da durfte ich auch in der Dämmerung vor Einbruch der Dunkelheit kein elektrisches Licht anmachen. Nur die Wohnstube wurde im Winter geheizt, und das ging auch erst, wenn Oma in der Küche ein Feuer gemacht hatte, und mit der Kohle dann den Ofen in der Stube heizen konnte. Mehr war gar nicht nötig, denn Oma und Opa waren sowieso denn ganzen Tag im Garten, in der Waschküche, im Stall oder auf irgendeinem Acker bei der Arbeit.

Als nach ein paar Tagen der kalte Wind nachlässt, wärmt die winterliche Sonne uns tagsüber wieder und lockt sogar immer wieder Badende ins Wasser. Ich bin sicher, das Meer ist nicht warm und bewundere diese vor Gesundheit strotzenden, tapferen Winterwasserratten. Jetzt, wo der Nordwind einmal durch die Landschaft gepustet hat, ist die Luft irgendwie klarer, sauberer. Draußen auf dem Meer kann ich am anderen Ufer Albanien mit seinen schneebedeckten Hügeln erkennen. Das andere Ufer scheint ganz nah. Auch die ersten griechischen Inseln sind mit bloßem Auge gut zu sehen. Zum Fotografieren ist das Wetter einfach genial. Die Farben leuchten noch mehr als sonst und es gibt wirklich bunte Bilder. Die Erde hat an vielen Stellen einen so rötlichen Ton, dass sie das Grün der Pflanzen unter dem knallblauen Himmel noch mehr erstrahlen lässt.

rote erde Bauxit Grube

Unglaublich, aber zwei Monate sind schnell vergangen. Es war wunderbar und unvergesslich in Apulien. Aber jetzt freuen wir uns auch wieder auf zu Hause, auf die “Kinder”, unser eigenes Bett und den Frühling 🙂

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3 Comments

  • Was für eine schöne Reise.
    Ich hätte nie gedacht, daß das Salento so viel geschichtlichen Hintergrund hat.
    Sehr interessant.
    Herzliche und offene Menschen, überwältigendes Naturschauspiel, viel Geschichte – und doch alles so bescheiden und schön. Ein Muss für jeden der die Ruhe liebt und wissen will was Italien AUCH ist.

    • Wir brauchten gar keine. Außer der internationalen Krankenversicherung hatten wir nichts weiter versichert 🙂
      LG
      Nicole

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