Felsmalereien – Gemälde aus einer Zeit vor unserer Zeit

Eines schönen Tages im Jahre 1908 ging der Dorfpfarrer des kleinen Ortes El Cogul in den Wiesen und Wäldern spazieren. Als es plötzlich zu regnen begann, suchte er Schutz unter einem Felsvorsprung und entdeckte dort steinzeitliche Malereien an der Wand. So sagt es jedenfalls die Legende. Anna, die das kleine Interpretationszentrum leitet, meint jedoch, es gäbe noch eine andere Version der Geschichte. Demnach habe der Pfarrer Kinder belauscht, die sich zum Spielen bei „der Teufelshöhle“ verabredet hatten. Dem wollte der Geistliche natürlich auf den Grund gehen und stieß dabei auf die Felsmalereien.

Dieser Pfarrer war nun ein leidenschaftlicher Hobbyarchäologe, wie viele gebildete Männer seiner Zeit. Anfang des letzten Jahrhunderts war das scheinbar eine Art Mode in den besseren Kreisen. Jedenfalls schrieb der gute Mann einen Bericht über seine Entdeckung und schickte ihn nach Barcelona. So erfuhren bald Fachleute von seinem Fund und kamen her, um sich die steinzeitlichen Zeichnungen selbst anzusehen.

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„Roca dels Moros“, Stein der Mauren, nennt man den Felsen im Volksmund noch heute. Anna erklärt, dass diese Bezeichnung nicht etwa bedeutet, dass einst Mauren an dieser Stelle gelebt hätten. Die Menschen in der Gegend sagten früher zu allem, das sehr, sehr alt war, und niemand mehr genau wusste, wann etwas geschehen war, es sei „aus der Zeit der Mauren“.

Als die ersten Archäologen in El Cogul aufkreuzten, datierten sie die Felsenzeichnungen zunächst ins Paläolithikum. Bald entdeckten sie jedoch Details, die einfach nicht zu dieser Zeit passen wollten. Sie stritten eine Weile, ob es sich hierbei nun um alt- oder jungsteinzeitliche Zeichnungen handelte. Es dauerte einige Jahre, bis sich die Wissenschaftler schließlich einig waren, dass es sich hier um ganz verschiedene Kulturen gehandelt haben muss, die sich im Laufe der Jahrtausende unabhängig voneinander in den Felsen verewigt hatten. Aber eines nach dem anderen.

Steinzeitliche Felsmalereien

In dem kleinen Museum direkt vor der Höhle erklärt Anna anhand von Bildern und Zeichnungen, was wir gleich zu sehen kriegen werden. Denn auch wenn die Felsmalereien sehr gut erhalten sind, sind sie doch im Original nicht leicht zu erkennen. Man muss schon ganz genau hinsehen, um alle Bilder zu finden.

Eine Familie, deren Kinder offenbar gerade die Steinzeit in der Schule durchnehmen, lauscht gemeinsam mit mir Annas Geschichten. Die Kleinen sind ganz aufgeregt und rufen freudig und stolz dazwischen, wenn sie etwas wissen. Anna stellt Fragen, die sie natürlich sofort beantworten können. Bei mir ist das mit der Steinzeit schon etwas länger her, also muss ich ganz genau hinhören und gut aufpassen.

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In dem Über- und Untereinander der Zeichnungen sind die Stiere die ältesten Darstellungen. Sie sind siebentausend Jahre vor Christus entstanden. Genau genommen sind es keine Stiere, sondern Urus, also Auerochsen, die damals in diesen Breiten lebten. Diese ersten Urus sind auch nicht gemalt, sondern in die Felswand geritzt worden. Übermalt wurden sie erst später, vermutlich in der Jungsteinzeit.

Rechts neben den Auerochsen sind menschliche Gestalten erkennbar. Aus den weiblichen Formen der Körper kann ich schließen, dass es Frauen sein sollen, die dort zu zweit herumstehen. Auch an der Kleidung kann man das gut erkennen, denn die Figuren tragen eindeutig so etwas wie lange Röcke. Die kleine, einzeln stehende Figur in der Mitte stellt hingegen einen Mann dar. Das Geschlecht ist jedenfalls sehr deutlich und überdimensional groß gemalt worden. Als modische Beigabe trägt der Herr Schmuck um die Fußgelenke.

Die Forscher gingen zunächst davon aus, dass es sich bei dieser Darstellung wohl um einen Fruchtbarkeitstanz handeln müsse. Üppige Frauen mit mächtigen Brüsten und Popos wurden erst in späterer Zeit als Symbole der Fruchtbarkeit verehrt. Hier sind die Damen noch sehr dünn und groß gewachsen dargestellt und der alleinstehende Mann scheint von ihnen umringt zu sein.

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Neben der Menschengruppe sind ein paar urzeitliche Rehe zu sehen. „Die Menschen zeichneten nicht, was sie aßen, sondern wie sie lebten“, erklärt Anna diese Darstellungen. Große Tiere standen eher selten auf dem Speiseplan. Die Männer jagten zwar, und sie erlegten von Zeit zu Zeit auch schon mal einen Hirsch oder Auerochsen, aber das geschah eher aus rituellen Gründen. Auf den Teller kamen neben Wurzeln, Beeren und Früchten eher leicht zu fangende Tiere wie Kaninchen, Kröten oder Fische.

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Ganz links auf der Felswand ist eine Jagdszene gemalt. Der Stil ist komplett anders als bei den Zeichnungen vorher. Die Formen sind nicht so filigran und detailliert. Es sieht wie ein Strichmännchen in einer Kinderzeichnung aus. Oder wie merkwürdige Hieroglyphen. Offenbar ist es eine mit Fingern gemalte Geschichte. Auf dem ersten Bild stehen sich ein Hirsch und ein Mann mit Pfeil und Bogen gegenüber. Auf dem nächsten Bild liegt der Hirsch auf dem Rücken und hat den Pfeil im Kopf. Es ist ein steinzeitlicher Comicstrip! „Das hier ist eher ein Picasso und das dort ein Rembrandt. Es ist nicht schlechter oder besser, sondern einfach anders, seiner Zeit entsprechend.“ Anna meint, bei den jüngeren Bildern handele es sich um eine Vorform der ersten Schrift. Dies sind keine rituellen Gemälde mehr, sondern eher Mitteilungen von Erlebtem.

Am oberen Rand der Tafel mit den Felsmalereien sind schließlich in den Felsen geritzte Kritzeleien zu sehen. Die stammen jedoch nicht von den spielenden Schulkindern, wie ich vermutet hatte, sondern sehr wahrscheinlich von einem Iberer. Genauer gesagt von jemandem aus einem iberischen Stamm, der schon mit den römischen Einwanderern Kontakt gehabt haben muss. Das kann Anna jedenfalls aus dem kleinen Text an der Wand herauslesen. Sie zeigt auf die einzelnen Buchstaben. Teilweise sieht es aus wie Latein, aber dazwischen sind eindeutig nicht-lateinische Wörter.

Die Archäologen und Geschichtsforscher haben diese Kritzeleien auf die Zeit des zweiten Punischen Krieges datiert. Die Zeit also, in der Cato der Ältere auf dem Weg nach Tortosa war, um dort Julius Cäsar zu treffen. Obwohl sie die einzelnen Lettern entziffern können, ist der Text unlesbar, denn bis heute ist es noch niemandem gelungen, die iberischen Schriftzeichen zu entschlüsseln. Ganz offensichtlich handelt es sich um eine Übergangsform, eine Zwischenstufe von Iberisch zu einer Version des Latein, aus der das heutige Spanisch und Katalanisch entstanden sind.

Das letzte und jüngste Zeichen, das Anna uns zeigt, ist ein fischartiges Gebilde aus dem ersten Jahrhundert vor Christus. Es ist das letzte Mal, dass jemand aus der Vergangenheit sich hier im Felsen für immer verewigt hat, denn während der folgenden zweitausend Jahre kam keine weitere Zeichnung mehr dazu.

Die Höhle

Dann endlich gehen wir nach draußen, zur echten Höhle, die eigentlich gar keine Höhle ist. Neugierig schreiten wir auf der kleinen Rampe hinauf zu dem Felsvorsprung. Ein Gitter schützt die uralten Zeichnungen vor unliebsamen Eindringlingen. Anna schließt das Tor für uns auf. Ein mächtiger Stein ragt wie ein Dach über die anderen Felsen hinweg. An der Stelle, an die kein Regenwasser gelangt, ist der Felsen sehr viel heller. Eine fast gerade Linie zieht sich über den Steinbrocken. Anna zeigt auf ein Loch, aus dem einmal eine Quelle entsprungen sein muss. Die Forscher nehmen an, dass es sich um ein Wasserloch handelte, an dem die Menschen der Steinzeit Rituale begingen.

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Ich sehe mir die Felswand ganz genau an. Es ist wirklich gar nicht so einfach, alle Figuren zu sehen, die Anna uns vorher gezeigt hat. Je nachdem, wie hell oder dunkel es ist, wie nass oder trocken der Stein und von wo genau das Licht einfällt, sind einige der Felsmalereien deutlicher als andere zu sehen. Es ist schon sehr beeindruckend. Sogar die Kinder sind mucksmäuschenstill und suchen konzentriert die Felswand nach den Bildern ab. „Da, da ist der Jäger!“, ruft einer der Jungen schließlich. Hat man die erste Zeichnung geortet, ist es auch nicht mehr so schwierig, die anderen Felsmalereien zu sehen. Das Auge gewöhnt sich dran und wir wissen ja ganz genau, was wir suchen müssen. Nur mit dem Fotografieren wird es wirklich kompliziert. Leider sieht man die Figuren auf den Fotos kaum (sorry).

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Aus den Funden in der Nähe der Quelle konnten die Archäologen schließen, dass die Menschen, die diese Felsmalereien hinterlassen haben, nicht hier lebten. Der Felsvorsprung war ein reiner Kultort, den sie zu einem ganz bestimmten Zweck aufsuchten. Direkt vor der Höhle führt eine Straße entlang. Vielleicht war es derselbe Weg. auf dem schon die Menschen der Steinzeit hierher kamen. Ganz sicher sind jedenfalls die Römer auf dieser Straße marschiert. Ein Weg, so alt wie die Menschheit!

Nicht nur ein paar Jahrhunderte, es sind Jahrtausende der Menschheitsgeschichte, die hier auf einem einzigen Quadratmeter Felswand komprimiert sind. Zweiundvierzig Figuren und zweihundertsechzig Zeichen legen Zeugnis davon ab, wie unsere Vorfahren einst lebten. Die ersten Bilder sind von Jägern und Sammlern erschaffen, die letzten Zeichen wurden von Mitgliedern seßhafter Stämme angefertigt. Ein Entwicklungsschritt, der viele Jahrhunderte gebraucht hat. In unserer so schnellebigen Zeit heute kaum noch vorstellbar.
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sehhilfe Felsmalereien Steinzeit el cogul Freibeuter Reisen Lleida.Annas kleiner Spickzettel, damit wir die Felsmalereien leichter finden 

Nekropole: Las tumbas del Saladar

Nach dem Besuch dieser echt beeindruckenden Höhle, die gar keine ist, will ich mir noch eine visigothische* Nekropole ansehen, die nur ein paar Hundert Meter weiter am Wegesrand liegen soll. „Naja ein bisschen klettern musst du dort schon“, meint Anna, als sie mir den Weg dorthin erklärt. Kein Problem, ich habe passende Schuhe dabei. Und ich muss auch nicht wirklich „klettern“. Von der Schotterpiste, auf der ich mit dem Auto hergekommen bin, führt ein markierter Pfad den Hügel hinauf. Es geht quer durch das Gebüsch und über die Felsen. Zugegeben, ich schnaufe ein bisschen, als ich mich auf die Suche nach der Nekropole mache. Aber das liegt daran, dass es mittlerweile schon wieder Mittagszeit und entsprechend heiß geworden ist. Das passiert mir leider öfter, dass ich spontan irgendwo rauf oder hin klettern will und es ganz plötzlich Mittag ist. Aber egal. Dann schwitze ich eben. Hier kennt mich sowieso niemand und ich habe alle Zeit der Welt. Aber entgehen lassen werde ich mir das sicher nicht.

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Es dauert auch gar nicht lange, dann bin ich oben. Nur leider hört die Markierung ganz plötzlich auf. Mist, denke ich. Sollte ich mich etwa verlaufen haben? Weiter unten kann ich den Mietwagen am Straßenrand stehen sehen. Und direkt daneben ist auch das erste Hinweisschild, dem ich gefolgt bin. Suchend blicke ich mich um. Keine weiteren Zeichen sind zu finden. Der Weg hört hier einfach auf.

Ich drehe mich um – und stehe mittendrin! Direkt vor mir ist eines der badewannenartigen Gräber, etwas daneben noch ein Weiteres. Jetzt sehe ich sie plötzlich, rings um mich herum, überall! Manche sind voller Blättern und Nadeln, andere werden von Büschen halb überwuchert. Viele der Gräber sind vom Wetter und der Erosion gezeichnet, aber die meisten von ihnen sind noch immer sehr deutlich zu erkennbar. Angeblich hat man nirgendwo anders so viele visigothische Felsengräber entdeckt, wie hier. Insgesamt zweiundzwanzig sollen es sein.

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Die Visigothen begruben ihre Toten in diesen sarkophagartigen Löchern, die sie direkt in die Felsen schlugen. In Pals an der Costa Brava gibt es auch ein paar davon. Dort habe ich auch gelernt, dass diese Art der Gräber „anthropomorph“ genannt wird, weil sie die Körperform des Menschen nachahmt. Warum die Visigothen allerdings ausgerechnet hier eine Nekoropole angelegt haben, ist nicht so ganz klar. Soweit ich weiß, hat man bisher lediglich herausgefunden, dass es hier am Fluss einst eine Art Zollstelle gegeben haben soll. Nur – gelebt haben die Visigothen hier nicht. Noch so ein ungelöstes Rätsel der Geschichte.

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Infos zu Felsmalereien von El Cogul und der Nekropole:

Die Felsmalereien von El Cogul gehören seit 1998 zum UNESCO Welterbe. Sie zählen zu den aus der Jungsteinzeit stammenden Felsmalereien der spanischen Levante. Um zu dieser Höhle zu gelangen, brauchst Du allerdings ein Auto. Es gibt leider keine öffentlichen Transportmittel dorthin.

Anfahrt:
La Roca dels Moros
Camí d’El Cogul a Albagès, km1
25152 El Cogul / Les Garrigues
(Lleida)

Öffnungszeiten im Winter: So von 10 – 13.30 Uhr , Di – Sa von 10-13.30 Uhr und 15-17.30 Uhr
Öffnungszeiten im Sommer: So von 10 – 13.30 Uhr, Di – Sa von 10-13.30 Uhr und 16-19.30 Uhr
Montags geschlossen!

Eintritt: 2,50 Euro

Falls Du zwar in Lleida bist, aber Dir der Weg nach El Cogul zu weit ist, kannst Du im Stadtmuseum von Lleida eine detailgetreue Nachbildung der Höhle finden. Richtig gut gemacht!

Website Museu d’Arqueologia de Catalunya:  Conjunto-rupestre-de-La-Roca-dels-Moros

Ungefähr ab der Hälfte dieses Videos vom Archäologischen Museum findest Du eine anschauliche Animation zu den Felsmalereien:  https://youtu.be/yZ4yHsOSyT0

Die visigothische Nekropole liegt rund einen Kilometer weiter auf der Landstraße in Richtung Albagès.

* Zum Unterschied zwischen Goten und Visigothen:  de.wikipedia.org

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Mein Besuch der Höhle und der steinzeitlichen Felsmalereien fand im Rahmen eines Blogtrips durch die Region Lleida statt.  

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