Der Mönch von Sant Pere de Galligants

Die weite Kapuze verdeckt das Gesicht des Mönchs. Still sitzt er auf der steinernen Bank im Kreuzgang. Man könnte meinen, er sei ins Gebet vertieft. Doch statt zu beten, grübelt er gerade an einer Rezeptur herum und überlegt, welche Kräuter aus dem Klostergarten er für seine Tinktur braucht. Nach einer Weile hebt er den Kopf. Sandalen klappern auf dem steinernen Fußboden, Schritte nähern sich.

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Der Blick des Mönchs fällt auf die Heiligen und die Monster oben an den Kapitellen der Säulen vor ihm. Die schöne Meerjungfrau mit den zwei Schwänzen, die Kentauren und all die anderen Fabelwesen sollen die frommen Männer daran erinnern, welch vielfältige Sünden in der Welt da draußen warten. Derweil sind die schlurfenden Schritte näher gekommen. Es ist der Abt des Klosters, der gedankenverloren mit einem Kopfnicken grüßt und hinter einer Tür verschwindet. Nun ist es wieder still im Kreuzgang.

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Was mag den Benediktinermönchen von Sant Pere de Galligants wohl damals durch den Kopf gegangen sein, wenn sie sich hier im Kreuzgang trafen? Dieser typische Geruch alter Gemäuer, die kalten Steine und die Geschichten erzählenden Verzierungen überall beflügeln meine Fantasie.

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Seine Glanzzeit erlebte das Kloster am Rande Gironas im zwölften Jahrhundert. In dem einst von Ramon Berenguer II gegründeten Ordenshaus am Ufer des Galligant lebte zu dieser Zeit schon mehr als zweihundert Jahre lang eine kleine Gruppe Benediktinermönche. Dem Kloster Sant Pere de Galligants kamen damals wichtige Verwaltungsaufgaben des Viertels zu, so ähnlich wie in einem heutigen Rathaus. Neben administrativen Aufgaben verbrachten die gläubigen Männer ihren Tag jedoch hauptsächlich mit Beten und Arbeiten, wie es die Benediktinerregel vorschreibt.

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Im Gegensatz zu den meisten anderen Klöstern gab es in Sant Pere Galligants einige Besonderheiten. Die Anlage des Klosters war baulich nicht symmetrisch angelegt. Die Räumlichkeiten der Mönche zweigten nicht von einem zentralen Kreuzgang ab, sondern lagen eher hintereinander, was vermutlich den Bodenverhältnissen und der Lage längs des Flusses geschuldet war. Im Zuge der Desamortisation, einer groß angelegten Privatisierungsmaßnahme, während derer unzählige Klöster enteignet wurden, ging auch Sant Pere de Galligants in staatlichen Besitz über. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts musste die kleine Gemeinschaft der Mönche das Kloster für immer verlassen. Die alten Mauern dienten zeitweilig als Kaserne und als Hospital, bis schließlich das archäologische Museum hier einzog. Die Klosterkirche und der Kreuzgang sind die einzigen Gebäude, die bis in unsere Zeit erhalten blieben.

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Sobald Du Sant Pere de Galligants betrittst, stehst Du in dem leeren und doch imposanten Kirchenschiff. Die heute nackten Wände waren einst mit bunten Bildern verziert. An manchen Stellen kannst Du oben an den Kapitellen noch Reste der Farbe erkennen. Die heute steingrauen Wände musst Du Dir voller bunter Figuren vorstellen, denn im zwölften Jahrhundert waren die Kirchen mit Bildergeschichten verziert. Da die meisten Gläubigen im Mittelalter ja nicht lesen konnten, dienten die Geschichten an den Wänden der Belehrung. Diese Bilder überbrachten praktisch die Botschaften der Bibel und erklärten den Menschen, wie sie sich verhalten sollten.

Irgendjemand hat mir mal erklärt, ich müsste mir das so ähnlich, wie ein Comic vorstellen. Ein riesengroßes Bilderbuch, das die Geschichten der Bibel erzählt. Da die Kirche von Sant Pere de Galligants noch im romanischen Stil errichtet wurde, zu einem Zeitpunkt also, als der Schwerpunkt des Glaubens auf dem alten Testament lag, wurde Gott eher gefürchtet und Respekt einflößend dargestellt. Romanische Kirchen sind relativ dunkel. Sie haben nur wenige Fenster und sind nicht lichtdurchflutet, wie die später gebauten gotischen Kirchen.

Außer dem kleinen Fenster in der Apsis und der Rosette über dem Eingang gibt es nur ein kleines Fenster in der Wand des Glockenturms. Dort führt ein versteckter Aufgang in eine geheime Kammer, zu der das winzige Fenster gehört. Von unten kann man nicht sehen, wer oder was sich dort oben aufhält. Wenn also von dort aus eine Stimme ins Kirchenschiff gesprochen hat, muss das sehr Respekteinflößend auf die Gläubigen gewirkt haben.

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Von der ursprünglichen Einrichtung steht nur noch das Taufbecken in einer Ecke des leeren Kirchenschiffs. Da hier im Viertel nahe des Flusses viele Gerber angesiedelt waren, ziert das Wappen ihrer Zunft das Taufbecken und zeugt von der großzügigen Spende. Neben ein paar archäologischen Fundstücken, wie dem reich verzierten Sarkophag und einem gut erhaltenen Mosaik, fällt ein großes Rad ins Auge. Es ist die Nachbildung der Rosette über dem Eingangsportal in Originalgröße.

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Auf dem Boden davor befindet sich eine Steintafel mit dem Wappen des Klosters. Die großen Schlüssel als Symbole für Petrus und ein singender Hahn sind zu sehen. Hier wurden einst die Äbte von Sant Pere de Galligants beigesetzt. Der singende Hahn erinnert an die Stelle der Bibel, die berichtet, dass der Hahn dreimal krähte, als Petrus seinen Herrn verriet: et Gallus cantavit. Einer Legende nach soll daher auch der Name des Klosters „Galligants“ abgeleitet worden sein. Andere Quellen führen den Namen allerdings auf den Fluss Galligant zurück, an dessen Ufer das Kloster Sant Pere steht.

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Oberhalb des Kreuzgangs zeugen die archäologischen Funde von der Entwicklung der Menschen, die hier lebten. Anhand verschiedener Fundstücke aus Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit wird veranschaulicht, wie sich die Lebensgewohnheiten der Bewohner dieser Gegend veränderten. Die Ausstellung reicht von ersten einfachen Werkzeugen, bis hin zu ausgefeilten Schmuckstücken, erklärt die Bedeutung der Entdeckung des Feuers und der Entwicklung gesellschaftlicher Hierarchien.

Die Ankunft der ersten Besucher stellte einen bedeutenden Einschnitt in der Geschichte der Iberischen Halbinsel dar. Phönizier, Etrusker und Griechen landeten an den Ufern des Mittelmeers, um Handel zu treiben. Unter diesem Einfluss entwickelten sich die einheimischen Stämme der Iberer prächtig. Dank der modernen Techniken und bislang unbekannter Produkte entstand eine neue iberische Kultur.

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Erst mit der Ankunft der Römer endet das friedliche Miteinander. Diese Besucher kamen nicht, um Handel zu treiben. Sie wollten die Landstriche erobern und die vorhandenen Rohstoffe für die Versorgung der Heimat nutzen. Die Iberer wurden aus ihren Siedlungen vertrieben und versklavt. Mit der Ankunft der Römer endet die Geschichte der iberischen Kultur. Während die iberische Sprache verschwindet, hat die Sprache der Römer einen entscheidenden Einfluss auf die Menschen und ihre Kultur – bis heute. Doch auch das Römische Reich neigte sich irgendwann dem Untergang. Nach ihnen beherrschten die Westgoten noch eine kurze Zeit diese Gegend. Sie brachten eine wichtige Neuerung mit, den christlichen Glauben. Damit endet die Ausstellung. Das Mittelalter bricht an.

Infos Sant Pere de Galligants:

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MAC Archäologisches Museum – Sant Pere de Galligants
Carrer de Santa Llúcia, 8
17007 Girona
Website: http://www.macgirona.cat/

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Eintritt:
Erwachsene: 4,50 Euro, ermäßigter Eintritt : 3,50 Euro

Öffnungszeiten:
montags geschlossen
Sommer (Juni bis September): Di-Sa 10-19 Uhr und Sonntags und Feiertags 10-14 Uhr
Winter (Oktober-Mai): Di-Sa 10-18 Uhr und Sonntags und Feiertags 10-14 Uhr

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Wenn man sich Zeit nimmt, die oberen Räume zu erkunden, kann man dort viele spannende Details entdecken, wie zum Beispiel das gebogene Schwert als Grabbeigabe. Ein Schwert war so wertvoll und so ein persönlicher Gegenstand, dass es nach dem Tode des Besitzers von niemand anderem benutzt werden sollte. Daher wurde es unbrauchbar gemacht und dem Verstorbenen mit ins Grab gegeben.

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Übrigens wurde in Sant Pere de Galligants auch eine Szene aus Game of Thrones gedreht. Girona war nämlich einer der Drehorte für die sechste Staffel der Serie.

 

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