Mit Polka in die Kirche hüpfen: Springprozession Echternach

Luxemburg ist viel kleiner, als ich erwartet hatte und gleichzeitig viel größer. Und grüner! Die Hauptstadt ist eine relativ niedliche Kleinstadt, der Rest sind Dörfer und Wiesen und Wälder. Zwischen Bergen und Tälern erstrecken sich Flüsse, Felder und Weinberge. Hier gibt es richtig viel Natur. An meinem ersten Tag in diesem kleinen Land geht es ganz in den Osten. Nahe der deutschen Grenze liegt Echternach. Dort findet jedes Jahr am Dienstag nach Pfingsten eine ganz besondere Veranstaltung statt, die Springprozession.

Zehntausende pilgern an diesem speziellen Tag in die Kirche, zum Grab des Heiligen St. Willibrord. Aber sie pilgern nicht gemächlichen Schrittes oder gar auf den Knien rutschend. In Echternach tanzen und hüpfen die Menschen in die Kirche! Tausende gläubige Pilger fassen sich bei der Hand bzw. am weißen Pilgertuch, und springen zu einer lustigen Polkamusik in Fünferreihen Richtung Kirche. Die Gläubigen werden von Geistlichen, zahlreichen Musikkapellen und anderen Vereinen – die nicht unbedingt katholisch sind – begleitet. Es ist ein echtes Volksfest.

2015 springprozession

Eine ganze Stunde lang stehe ich am Straßenrand und beobachte das Voranhüpfen der Prozession. Dabei geht der Polkarhythmus auch an mir nicht unbemerkt vorbei. Es ist schon ein wenig ansteckend, denn obwohl sehr viele, durchaus verschiedene Kapellen den Zug begleiten, ist der Grundrhythmus stets derselbe. So ähnlich muss ein Sambaumzug in Rio sein – nur eben ausgelassener und brasilianischer natürlich. 😉

Nachdem die zwölfte Pilgergruppe an mir vorbeigezogen ist, mache ich mich auf den Weg zur Kirche. Ich will schließlich sehen, wohin diese Menschen so fröhlich bedächtig hüpfen.

Polkaschritt Springprozession Echternach

Den Polkarhythmus noch im Ohr entferne ich mich vom Trubel des Umzugs und bahne mir einen Weg zur Basilika. Die ist ziemlich leicht zu finden, denn Hunderte der Springer, die bereits die Kirche erreicht haben, kommen mir entgegen. Einige erkenne ich sogar wieder.

An der Kirche angekommen, besuchen die Teilnehmer der Prozession kurz das Grab des Heiligen und gehen dann ihrer Wege. Auf den Straßen bauen die Cafés und Restaurants schon fleißig Würstchen – und Bierstände auf. Aha! Auf einem großen Bildschirm vor einer Kneipe kann ich das andauernde Hüpfen der Prozession mitverfolgen. Noch immer ziehen Pilger in Fünferreihen springend durch die Straßen. Es sind über zehntausend Menschen, die da heute durch Echternach hüpfen.

kirche Echternach

In einem Informationszentrum nahe der Kirche finde ich ein kleines Heftchen, das die Geschichte der Springprozession erklärt:

Diese hüpfende Prozession gibt es schon seit über tausend Jahren. Der Heilige Willibrord wurde offenbar um Hilfe für Gehbehinderungen angefleht. Seuchen wie die Pest und andere teilweise unerklärliche Krankheiten mit Bewegungsstörungen trieben die Menschen im Mittelalter dann scharenweise nach Echternach. In der Mosel-Rheingegend litten viele Menschen unter Mutterkornvergiftung oder Epilepsie. Sie hatten große Schmerzen und vor allem starke Krämpfe. Da man sich viele dieser Krankheiten nicht erklären konnte, benannte man sie einfach nach dem Heiligen Vitus, den die Erkrankten anriefen, und nannte die erkrankten Pilger Veitstänzer.

Ein medizinischer Grundsatz damals war es wohl, Gleiches mit Gleichem zu heilen. Die Legende der wunderbaren Genesung eines Pilgers, der bis zur Erschöpfung zum Grab des Heiligen Willibror gehüpft war, sorgte dafür, dass immer mehr Menschen in Echternach zur Kirche dieses Heiligen tanzten, von dem sie Genesung erhofften. Im Laufe der Jahrhunderte gesellten sich auch gesunde Menschen zu dieser Pilgerprozession dazu. Sie tanzten mit, um sich vor diesen Krankheiten zu schützen.

Den Kirchenoberen war eine solch ungewöhnliche Prozession natürlich ein Dorn im Auge. Aber allen Verboten zum Trotz hat sich die Tradition dieser Springprozession bis heute gehalten und gehört sogar zum Weltkulturerbe der UNESCO.

echternach springprozession

Ich bin mal wieder beeindruckt. Mittlerweile hat sich allerdings der Himmel zugezogen und es wird ziemlich frisch. Statt den immer noch andauernden Pilgerstrom anzusehen, ziehe ich mich in ein kleines Café zum Aufwärmen zurück.

Diese Tradition ist also richtig alt und die Leute kommen immer noch in unglaublichen Massen hierher. Angesichts der vielen Würstchenstände im Ort glaube ich allerdings, dass die Mehrheit der Leute, die da heute hüpfen, keine echten Pilger sind, sondern die Springprozession als einen schönen alten Brauch feiern. 🙂

Echternach Cafe Aufwärmpause

Echternach luxemburg

Kirche Echternach luxemburg

Musik Kapelle Echternach

Musik Prozession

akkordeon Gruppe Echternach

echternach Luxembourg

Pilger Tradition Springprozession Echternach

springende pilger Echternach

Springprozession Echternach 2015

Pilgerzug Echternach Springprozession

Flaggen Springprozession Echternach

Nützliche Infos:

Die Prozession in Echternach kann man gar nicht verfehlen. Der Ort ist relativ klein und übersichtlich. Einfach allen Anderen hinterher laufen 🙂
Der Termin der Springprozessin ist immer der erste Dienstag nach Pfingsten.
Website www.visitluxembourg.com

Hinweis: Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Blogtrips #visitluxembourg. Vielen Dank! Die hier dargestellten Ansichten sind selbstverständlich meine persönliche Meinung.  

2 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.