Mein Bruder ist zu Besuch. Statt Meer und Strand, zeige ich ihm eine Via Verda in den Bergen, denn Gebirge haben wir hier in Katalonien so einige. Die Pyrenäen sind in der Gegend von Ripoll noch nicht ganz so hoch wie weiter westlich, aber immerhin. Für ein paar Tage haben wir ein Hotel in Camprodon gebucht, denn eigentlich wollte ich den Camí de la Retirada laufen, den Weg, den die Menschen im Spanischen Bürgerkrieg auf der Flucht vor den Truppen Francos nahmen, um nach Frankreich über die Grenze zu gelangen. Doch das Wetter ist ziemlich unbeständig und so beschränken wir uns lieber auf eine Radtour und eine kleine, aber wunderschöne Wanderung zum Castell de Rocabruna.

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Radtour Via Verda

Zwischen Ripoll und Sant Joan de les Abadesses verläuft eine Via Verda, ein grüner Weg für Radfahrer und Wanderer oder Spaziergänger, der längs einer ehemaligen Bahnstrecke eingerichtet wurde. Bis in die 60er Jahre wurde in den Minen von Ogassa Kohle und Eisenerz abgebaut. Auf Schienen transportierte man das Material über Sant Joan de les Abadesses bis Ripoll und von dort Richtung Barcelona zum Hafen. Doch zum Glück fand man nach der Stilllegung der Minen einen neuen Nutzen für diesen Grünstreifen, der sich wie ein gerades Band durch die Landschaft zieht.

 

In Ripoll leihen wir uns Räder. Kurz hinter dem berühmten Kloster geht ein Weg zum Ufer des Ter hinunter. Über eine Brücke erreicht man nach wenigen Minuten das CAT Can Guetes. Außer Fahrrädern wird im Restaurant auch ein leckeres Mittagsmenü angeboten. Was ich vorher nicht wusste, aber richtig gut finde, ist, dass Can Guetes eine Stiftung ist, die Menschen mit Behinderungen oder Schwierigkeiten sich im Alltag einzugliedern, dabei hilft, Arbeitsplätze zu schaffen und einen eigenständigen Alltag zu leben.

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Für einen ganzen Tag kostet das Leihen eines Fahrrads 15 Euro. Weil die Strecke ziemlich gerade ist, nehme ich ein Hollandrad, das hat nämlich einen Korb vorn, in den ich meine Kamera packen kann. Dann habe ich sie nicht um den Hals baumeln und muss sie nicht immer aus dem Rucksack herausfummeln.

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Zunächst geht es noch am Fluss entlang. Viele Spaziergänger sind hier unterwegs. Unter anderem ein Mann, der uns erzählt, dass er in dem Wasserüberlauf des Ter als Kind schwimmen war, was seine Mutter wohl nicht gut fand. Schon bald darauf geht es unter der Straße hindurch, von nun an verläuft der Ter links von uns. Die graue Betonmauer der Unterführung ist so hübsch und bunt bemalt, dass ich kurz stehenbleiben muss, um mir alles anzusehen. Schmetterlinge, Blumen und herbstliche Bäume …

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Nun geht der Weg durch ein baumbestandenes Stück Flur. Wald wäre übertrieben, aber es ist angenehm schattig. Wir treffen viele Fußgänger, die die Via Verda für einen Spaziergang nutzen. Kurz vor einem ehemaligen Bahnhofshäuschen, das verlassen am Wegesrand steht, hängen bunte Vogelkästen in einem Baum. Je weiter wir uns von Ripoll entfernen, umso weniger Menschen sind unterwegs. Hinter den Tennisplätzen, die zu unserer rechten Seite auftauchen, soll ein kleines Feuchtgebiet mit einer Vogelbeobachtungsstation liegen. Wir radeln jedoch weiter gerade aus. Unter einer Brücke hindurch fahren wir nun links der Landstraße. Das Geläut von Kuhglocken erreicht immer wieder unsere Ohren, auch wenn wir die Vierbeiner manchmal gar nicht zu sehen bekommen. Den ländlichen Duft nach Kuhmist lassen wir als olfaktorischen Beweis für die Anwesenheit der Rindviecher gelten.

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Der Weg geht leicht, aber beständig bergan. Die Steigung beträgt zwar nur 1-3%, aber sie ist bemerkmbar. Doch der Weg ist asphaltiert und leicht zu fahren. Am Wegesrand kommen wir an einem alten Bauernhof vorbei. Aus den Archiven des Klosters von Sant Joan de les Abadesses weiß man, dass die Masia Mas Vilar schon im 14. Jahrhundert hier stand, denn dort wird sie zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Den Dokumenten nach soll der Hof 1720 dann deutlich vergrössert und im 20. Jahrhundert um ein Stockwerk erweitert worden sein. Heute scheint dort niemand mehr zu wohnen, aber das Gebäude könnte bestimmt viele Geschichten erzählen.

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Ungefähr einen Kilometer vor Sant Joan de les Abadesses, überqueren wir den Pont de Solà, eine recht breite Brücke, die ursprünglich für die aus den Minen kommende Bahn gebaut wurde. Obwohl hinter der Brücke der Weg wieder durch ein bewaldetes Stück der Strecke führt, merkt man, dass wir auf einem ehemaligen Bahndamm fahren, denn unser Weg liegt erhöht, die Landschaft rechts und links des Radwegs befindet sich mehrere Meter tiefer. Für die Aussicht ist das natürlich toll. Mein Blick fällt auf kleine Gärten, in denen zu dieser Jahreszeit besonders die Kürbisse prächtig gedeihen. Dann kommt auch schon die alte Brücke von Sant Joan de les Abadesses in Sicht. Während der Radweg weiter geradeaus zum alten Bahnhof des Ortes führt, der inzwischen in eine moderne Herberge umgewandelt ist, fahren wir bergab, ins Zentrum von Sant Joan. Mit dem Rad kämpfe ich mich die mit Kopfstein gepflasterte Brücke hinauf und rolle auf der anderen Seite wieder hinunter. Vor dem wunderschönen Monestir de les Abadesses halten wir an.

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Sant Joan de les Abadesses

Das Kloster wurde im 9. Jahrhundert von Guifre el Pelos, Wilfried dem Haarigen, dem Urvater der Katalanen gegründet. Dieser erste Graf von Barcelona war eigentlich ein Vasall des französischen Königs und sollte diesen Teil der Spanischen Mark vor den Übergriffen der Mauren schützen. Doch Guifre ließ die ihm anvertrauten Ländereien nicht an den König zurückgeben, sondern vererbte sie seinen Söhnen. Seinen beiden Töchtern vermachte er Klöster. Emma war erst 14 Jahre alt, als sie zur Oberin des Monestirs Sant Joan de les Abadesses ernannt wurde. Doch sie entpuppte sich schon bald als eine verantwortungsbewusste und sehr umsichtige Äbtissin. Unter ihrer Leitung gediehen die Ländereien prächtig und das Kloster brachte es zu einem gewissen Wohlstand. Sie baute eine Backstube, legte einen Garten an und gründete sogar eine Schreibstube. Die Klosterfrauen lebten ein einfaches Leben, doch sie hatten alles, was sie brauchten.

Klosterfrauen: Emma de Barcelona und Ingilberga 12

 

Emma lebte zwar nicht luxuriös, aber politisch gesehen herrschte sie wie eine Gräfin über ihr kleines Reich. Auf ihren Ländereien ließ sie Häuser, Brunnen, Mühlen, Gärten und Weinstöcke errichten. Zum Schutz des kleinen Klosters paktierte sie geschickt mit Bischöfen und Kirchenoberen und schon bald entstanden im Einzugsbereich des Klosters die ersten Dörfer. Neue Siedler, die sich dem Schutz des Klosters anvertrauten, mussten im Gegensatz zu den Bauern, die unter der Herrschaft eines Burgherren oder Landgrafen lebten, nicht für ihren Herrn in den Krieg ziehen. Emma baute für die Familien, die auf ihren Ländereien lebten sogar kleine Pfarrkirchen und Kapellen, sodass sich ihr Einflußbereich bald von den Pyrenäen bis an die Küste zog. Als die Tochter Guifres 942 starb, folgten ihr fünf weitere Äbtissinnen, bevor das Leben in Sant Joan de les Abadesses eine ganz andere Wendung nahm.

Ingilberga war die sechste und letzte Äbtissin des Klosters. Sie war der uneheliche Spross zweier reicher Adelsfamilien. Beide Elternteile waren verheiratet, nur nicht miteinander, sodass das kleine Mädchen ins Kloster gegeben wurde. Mit zwanzig Jahren ernannten die Schwestern sie zu ihrer Äbtissin. Sie war beliebt, doch sie hatte ein Problem, einen neidischen Halbbruder. Bernat Tallaferro, Graf von Besalú beanspruchte Ingilbergas Macht und Einfluss. Er wollte die Ländereien des Klosters mitsamt der dazugehörigen Dörfer für sich und versuchte ständig seien Halbschwester zu diskreditieren. Er schickte Gesandte zum Papst, beschuldigte sie der Unzucht und erreichte schließlich die Auflösung des Klosters. Die Nonnen mussten Sant Joan de les Abadesses verlassen.

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In der kleinen Bar neben dem Kloster bestellen wir noch einen Teller Oliven und trinken etwas, ehe wir uns wieder auf den Weg machen. Zurück über die alte Brücke geht es nun steil bergauf, zum Glück nur ein kleines Stück, dann stehen wir vor dem ehemaligen Bahnhofsgebäude, dort, wo heute die Via Verda verläuft. Hier geht die Straße weiter Richtung Ogassa, wo die stillgelegten Minen liegen. Leider ist das Museum heute geschlossen.

Gorg de la Malatosca

In Richtung Sant Joan de Seguries kommen wir auf der Via Verda nach wenigen hundert Metern an eine Kreuzung. Dort stellen wir die Räder ab und gehen auf einem Trampelpfad zu Fuß hinunter zum Gorg de la Malatosca. Der versteckt liegende Wasserfall ist wunderschön und hat schon viele Generationen zu Geschichten von Hexen und magischen Wesen inspiriert. Wie zum Beispiel die Legende über die Hexe, die einer Hebamme Linsen zum Dank für ihre Hilfe gegeben haben soll. Verärgert über diese Art der Bezahlung habe die Hebamme die Hülsenfrüchte jedoch in den Ter geworfen. Noch ärgerlicher war sie jedoch am nächsten Tag, als sie feststellen musste, dass sich ein paar Linsen, die an ihrer Schürze hängen geblieben waren, in Goldstücke verwandelt hatten!

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Von diesem kleinen magischen Wasserfall aus treten wir den Rückweg nach Ripoll an. Die elf Kilometer lange Strecke geht nun stets leicht bergab. Fast wie im Flug vergeht die Strecke ohne jede Anstrengung, sodass wir schon nach 45 Minuten zurück am Fahrradverleih sind und in Can Guetes Mittagessen können.

Via Verda

Infos und Tipps Via Verda

Außer der Ruta de Ferro i Carbó gibt es noch andere alte Bahntrassen, die zu grünen Radwegen umgebaut wurden. In Richtung Olot erreicht man die Via Verda El Carrilet I und  II, die über Girona bis ans Meer führen. In Richtung Norden geht es auf einer mehrtägigen Radrundreise, der Pirinexus, sogar auf die andere Seite der Pyrenäen.

Website www.viesverdes.cat

Von unserer Unterkunft, einem schönen, aber etwas gruseligen Hotel, das wir „unser Spukhotel“ getauft haben, weil wir tatsächlich die einzigen Gäste dort waren, erzähle ich Euch ein anderes Mal.

Infos zum Museu Minas Ogassa

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