Die Indigetes von Lloret – so lebten die Iberer

Hoch oben auf dem Felsen stehe ich an der Küste und sehe hinunter aufs Meer. Mein Blick reicht weit über die felsigen Klippen bis zur Torre Sant Jaume. Dahinter kann ich sogar schon ein Stück von Blanes entdecken! Doch die Iberer, die hier vor vielen hunderten von Jahren ein kleines Dorf errichteten, haben sicher nicht nur wegen der schönen Aussicht hier ihre Häuser gebaut. Die Lage auf dem Hügel direkt am Meer muss für sie vor allem praktisch gewesen sein. Einerseits waren sie oben auf dem Felsen relativ geschützt, andererseits hatten sie durch den kleinen Strand Sa Caleta auch einen guten Zugang zum Meer. Das war damals, im zweiten Jahrhundert vor Christus, gleichbedeutend mit der Möglichkeit Handel zu treiben.

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Aber mit wem handelten denn die Indigetes, so nannte sich der iberische Volksstamm, der sich hier auf dem Hügel niederliess, damals im Jahre 200 v. Christus? Es war die Zeit, in der die Römer die iberische Halbinsel entdeckten und sie ziemlich schnell besiedelten. Da die Archäologen bei den Ausgrabungen auch auf ein paar römische Münzen stiessen, geht man heute davon aus, dass diese Iberer vom Stamm der Indigetes sehr wahrscheinlich Handel mit den Römern getrieben haben.

Das iberische Dörfchen auf der Klippe des Turó Rodó bestand nur aus wenigen Häusern und war die jüngste und kleinste der drei iberischen Siedlungen in der Gegend des heutigen Lloret de Mar. Montbarbat, die wahrscheinlich größte und bedeutendste Siedlung der Iberer in der Gegend von Lloret, befindet sich rund siebzehn Kilometer weiter im Hinterland, in der Nähe zur Nachbargemeinde Maçanet. Das Gelände, unter dem man den größten Teil der Überreste der iberischen Stadt vermutet, ist heute ein bebautes Wohngebiet.

Das zweite Poblet Ibèric befindet sich bei Puig de Castellet. Dieses zweite Dorf war zwar kleiner als Montbarbat, aber größer als das jüngste, an der Küste errichtete Dorf auf dem Turó Rodó.

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Nachdem die Hütten der Iberer jahrhundertelang der Witterung ausgesetzt waren, ist heute leider nicht mehr viel von ihnen erhalten geblieben. Direkt hinter dem Castell sind nur noch die Steine der gemauerten Fundamente von Wind und Meer verschont worden. Durch die Nähe zum Dorf haben sich sicher auch die Anwohner hier über viele Generationen hinweg an den herumliegenden Steinen bedient und sie als kostenloses Baumaterial zur Errichtung ihrer Häuser genutzt. Wer konnte im sechzehnten Jahrhundert auch ahnen, dass diese Steine die Reste einer Siedlungen waren?

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Ich stehe zwischen den alten Fundamenten und sehe mir an, was von den Hütten der Iberer noch zu erkennen ist. Viel mehr als den schlichten, rechteckigen Grundriß gibt es nicht zu sehen, und der erscheint mir recht winzig. Die Iberer haben ihre Siedlung so angelegt, dass sie auf einer Seite von den steilen Felsklippen geschützt waren. Auf der anderen Seite errichteten sie eine hohe Mauer mit Turm, durch die ein schmaler Gang ins Dorfzentrum führte. Die Hütten waren alle zu einem zentralen Platz hin geöffnet und mit der Rückseite an die Schutzmauer gebaut.

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Im Gegensatz zu vielen anderen iberischen Siedlungen, gibt es hier auf dem Turó Rodó in Lloret eine echte Besonderheit: Dank der vielen Informationen, die sie bei den Ausgrabungen erhalten hatten konnten die Archäologen hier die einmalige Gelegenheit nutzen und eines der iberischen Häuser originalgetreu nachbauen! Monatelang forschten und experimentierten sie mit den Materialien, die die Iberer benutzt haben, klopften Steine, rührten Lehm und brannten Ziegel, bis sie schließlich herausfanden, wie die Indigetes damals wirklich gebaut hatten. Am Ende konnten die Forscher dann eine kleine Hütte genauso errichten, wie sie vor zweitausend Jahren wirklich ausgesehen haben muss!

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Ich gebe zu ich bin schon ein wenig aufgeregt, als ich nun diese iberische Hütte betreten darf. Es ist fast wie in einem Kinderfreizeitpark, nur dass das hier keine Phantasiewelt ist, sondern echte Menschheitsgeschichte. Letztes Jahr war ich in Ullastret schon einmal in einer iberischen Siedlung, beziehungsweise, in den archäologischen Ausgrabungen. Die Anlage, die man dort unter der Erde gefunden hat ist die größte iberische Siedlung an der ganzen Küste. Eine riesige Metropole muss das gewesen sein. Trotzdem bin ich jetzt hier wesentlich aufgeregter. Durch die Rekonstruktion dieser Hütte fühlt sich alles irgendwie viel reeller an. Ich kann mir richtig vorstellen, wie die Menschen hier auf das Meer blickten oder sich um ein Feuer versammelten.

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Natürlich war diese kleine Siedlung hier bei Lloret lange nicht so reich und bedeutend wie die iberische Megacity in Ullastret, die übrigens bei Ankunft der Römer auf geheimnisvolle Art und Weise für immer verlassen wurden.

Man weiß nicht ob die Römer die Metropole zerstörten oder die Einwohner sie einfach verließen.

Hier am Turó Rodó machte sich der Einfluss der immer präsenter scheinenden Römer jedenfalls schon sehr deutlich bemerkbar. Die Archäologen fanden Nägel, römische Münzen und andere Beweise aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus.

Meine Augen brauchen einen Moment, um sich an die Dunkelheit in der Hütte zu gewöhnen. Als Erstes erkenne ich, dass ich mich in einer Art Vorraum befinde. Die Hütte besteht also aus mehreren Räumen. Hier im vorderen Zimmer wurde offenbar gearbeitet. Durch kleine Öffnungen, die sowohl als Fenster wie auch zur Belüftung gedient haben müssen, fällt etwas Licht herein. Wahrscheinlich konnten die Bewohner die Temperatur in ihrer Lehmhütte besser halten, wenn die Öffnungen nicht allzu groß waren. So hielten sie die Wärme im Winter drinnen und im Sommer hatten sie es angenehm frisch.

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Während in dem ersten Raum also vermutlich Wolle gesponnen, getöpfert oder irgendwas anderes gearbeitet wurde, diente der hintere Teil der Hütte als Wohnraum. Zwischen vier bis sechs Personen lebten in so einer Hütte, wahrscheinlich zusammen mit ihren Hühnern und Schweinen. Ich staune nicht schlecht, wie geräumig es hier drinnen ist. Das Haus ist von drinnen wesentlich größer, als es von draußen den Anschein hat!

Der hintere Raum hat nur eine kleine Öffnung in der Wand, wodurch es noch wesentlich dunkler ist, als im Vorderzimmer. Es dauert entsprechend länger, bis sich meine Augen an das wenige Licht hier drin gewöhnt haben. Doch dann erkenne ich die Bänke an den Wänden, auf denen die Menschen wohl nicht nur gesessen sondern auch geschlafen haben müssen. Um das Ganze etwas gemütlicher zu machen, haben die Indigetes geflochtene Strohmatten auf den Bänken ausgerollt, und sie so zu Betten umfunktioniert. In der Mitte befindet sich eine Feuerstelle und in den Regalen an der Wand haben sie offenbar ihr Geschirr und die Keramik aufbewahrt.

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Ohne die kleine Bucht und den Strand am Fuße des Hügels hätten die Indigeten wahrscheinlich einen anderen Ort für den Bau ihres Dorfes gewählt. Durch den Zugang zum Meer konnten sie ihren Speisezettel um diverse Fische und Meeresfrüchte erweitern und vor allen Dingen konnten sie Handel treiben.

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Sicher waren es nicht viele römische Händler, die hier an Land gingen, aber einige Schiffe müssen ganz offensichtlich in der Bucht Halt gemacht haben. Bei den Ausgrabungen der Siedlung fanden die Archäologen neben den römischen Münzen auch einige wenige Scherben der schwarz lackierter Keramik, die den Römern als Geschirr diente. Für die Iberer muss diese römische Keramik ein ziemlich luxuriöser Gegenstand gewesen sein, den sie nicht wirklich zum Überleben brauchten.

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Überall auf der Iberischen Halbinsel bedeutete die Ankunft der Römer das Ende der iberischen Kultur. Vermutlich leisteten einige Volksstämme zunächst noch Widerstand, doch die römischen Truppen waren ihnen deutlich überlegen. Den Rest erledigte die dominante Kultur der Invasoren. Dank der militärischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Überlegenheit der straff organisierten Römer, war der Niedergang der in lockeren Stämmen zusammenlebten Iberer bald nur eine Frage der Zeit.

Die meisten iberischen Dörfer wurden verlassen. In den heute noch erhaltenen Überresten der Siedlungen finden die Archäologen meist keine Spuren von blutigen Schlachten oder mutwilliger Zerstörung. Die Menschen zogen scheinbar ohne Gewaltanwendung in die neuen, von den Römern gegründeten Siedlungen wie Girona, Blanes oder Mataró.

Nur hundertfünfzig Jahre nach seiner Gründung kam 60 v. Chr. dann auch das Ende des kleinen Dorfs auf dem Turó Rodó: Kampflos und friedlich verlassen die letzten Bewohner ihre Hütten und ziehen fort. Wahrscheinlich auch in eine der neuen Römersiedlungen entlang der Küste.

Mehr Infos über die Iberer vom Turó Rodó:

 

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Die Ausgrabungsstätte der Siedlung Turó Rodó findest Du direkt am Camí de Ronda, hinter dem Castell d’en Plaja.

Carrer Costa d’en Josep Macià
17310 Lloret de Mar
Eintritt: 3 Euro (für die Instandhaltung der Anlage)
Website Lloret de Mar: lloretdemar.org
Artikel über den Bau der Hütte: Reconstrueixen una casa ibera al jaciment del turo rodo de lloret de mar

Adresse der anderen Fundstätten:

Iberische Siedlung Montbarbat
Urbanització Masies de Lloret
17310 Lloret de Mar

Iberische Siedlung Puig de Castellet
Urbanització Roca Grossa
C/ Poblat Ibèric
17310 Lloret de Mar

Auf dem Gebiet des heutigen Spaniens und Portugals lebten ganz verschiedene iberische Stämme. Zwischen ihnen gab es teilweise zwar Kontakt, aber dennoch lebten die Volksstämme weitgehend unanbhängig voneinander.

Wikipedia über den iberischen Stamm der Indigetes:  Indigetes (Englisch) Indigetes (Spanisch)

Wikipedia zum Turó Rodó: Poblat ibèric_del_Turó_Rodó (Katalanisch)

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Blogtrips, zu dem ich von Lloret Turisme eingeladen wurde. Die hier dargestellten Ansichten beruhen ausschließlich auf meinen persönlichen Erlebnissen und geben allein meine private Meinung wieder.

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