Im Wilden Westen Almerias – Desierto Tabernas

Staub wirbelt durch die Luft. Zwischen den alten Holzhäusern fegt der Wind den Sand vor sich her. Es ist fast Mittag und die Sonne brennt schon vom Himmel herab. Die Holzplanken der alten Veranda knarren unter meinen Schritten, als in der Ferne plötzlich drei stumme Reiter in Sicht kommen. Langsam traben sie auf der Dorfstraße Richtung Saloon. Aus einem Lautsprecher erklingt die Titelmelodie von “Die Glorreichen Sieben”. Doch es sind nicht Yul Brynner, Charles Bronson oder Steve McQueen, die da auf mich zugeritten kommen. Es sind drei junge Spanier, die in dieser Westernstadt inmitten der Wüste Tabernas ihre Brötchen damit verdienen, vor Besuchern wie mir Cowboy zu spielen.

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Auch wenn die Show recht einfach ist und die Dialoge keinen Literaturpreis gewinnen würden, bin ich völlig begeistert. Zwischen den abgerockten Häusern dieses mexikanischen Dorfes zu spazieren und die Cowboys bei ihrer Show zu sehen, fühlt sich wirklich so an, als sei ich mittendrin im Wilden Westen. Mit etwas Fantasie ist das hier ein echter Western zum Anfassen.

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In den sechziger Jahren erlebte das kleine Dorf seinen Höhepunkt. Alle waren sie hier, Charles Bronson, Clint Eastwood, Yul Brynner, Claudia Cardinale, Terence Hill und Bud Spencer, ja sogar der junge Til Schweiger als Lucky Luke. Nicht nur die ganzen Italowestern, auch einige der bekanntesten Hollywoodproduktion wurden hier in der Wüste Tabernas gedreht. Grinsend schlendere ich an dem verlassenen Post Office vorbei in Richtung Kirche. An der Fassade des Hotels hängt ein Fenster schon halb aus den Angeln. In meinem Kopf höre ich die Songs von Ennio Morricone, die so viele der Filme von Sergio Leone und anderer Regisseure für immer in mein Hirn gebrannt haben.

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Doch all diese Häuser sind leer. Manchmal kann ich hinter den Brettern das Unkraut wachsen sehen. Die Filmcrews richten sie ganz nach ihren jeweiligen Bedürfnissen entweder mit Möbeln oder mit ihren Lichtinstallationen ein. Als ich um die Ecke des Gemischtwarenladens biege, und mich dem Saloon nähere, höre ich wirklich Musik. Der Saloon ist tatsächlich geöffnet. Drinnen sieht es genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe. Vermutlich habe ich genau diesen Saloon ja auch wirklich schon oft in Filmen gesehen (ein Teil von Winnetou ist hier entstanden).

saloon kutsche Fort Bravo Tabernas

Hinter der Theke steht eine Bardame, die den Besuchern Cola und Bier verkauft. Mit einem schelmischen Grinsen zieht sie ein Gewehr unter dem Tresen hervor und zielt damit auf Carmen, die gerade etwas zu trinken bestellen wollte. Wir müssen alle lachen und es stellt sich heraus, dass die Westernlady aus einem Nachbardorf, zehn Kilometer von mir zu Hause entfernt, stammt.

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Im Stall wiehert ein Pferd, das gerade gestriegelt wird. Der Sattel hängt noch auf der hölzernen Trennwand der Pferdebox. Nebenan steht eine alte Kutsche in der Scheune. Draußen reitet mürrisch dreinblickend einer der Stuntmen vorbei. Er sieht aus, als würde er gerade einen Marlboro Werbespot drehen. Aber gerade weil hier alles so einfach gehalten ist und leicht verfallen aussieht, bin ich total begeistert von dieser Westernwelt im Taschenformat. Dem Laien-Cowboy mit andalusischem Akzent fehlen wirklich ein paar Zähne. Auch die Requisite hat schon bessere Tage gesehen, denn der Revolver hat Ladehemmungen, gerade als es bei der mittäglichen Show zum finalen Schuss kommen soll. Diese Low Budget Ausstattung ist in ihrer Schlichtheit einfach umwerfend liebenswert und echt charmant.

 Fort Bravo Tabernas
 Fort Bravo Tabernas

Irgendwann müssen wir die Westernstadt schließlich wieder verlassen. Leider. Als das große Fort mit der amerikanischen Flagge bereits hinter uns liegt, sehe ich aus den Augenwinkeln noch die weißen Lettern des Hollywood-Schriftzugs zum Abschied leuchten. Dann sind wir um den Berg herum und wieder auf der Hauptstraße.

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Desierto Tabernas

Über dreihundert Filme sind hier in der Gegend gedreht worden. Aber nicht nur die Westernstadt, auch die Desierto de Tabernas, die Wüste selbst, dienten Filmen wie Der Schuh des Manitu, Game of Thrones, Conan der Barbar, Lawrence of Arabia oder Indiana Jones als malerische Kulisse, vor der die Regisseure ihre Geschichten erzählten.

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In dem kleinen Ort Tabernas treffe ich Cristina, die Jeep-Touren durch die Wüste anbietet und Regisseuren aus der ganzen Welt dabei hilft, die für den jeweiligen Film passende Stelle in der Wüste zu finden. Bei ihren Touren geht es aber nicht nur um die Schauplätze berühmter Filme, die hier gedreht wurden. Obwohl Cristina natürlich auch darauf hinweist, welche Szenen hier entstanden sind. Aber vor allen Dingen geht es ihr darum, die Faszination dieser europäischen Wüste zu erklären. Welche bizarren und wunderlichen Felsformationen hat Mutter Natur hier hervorgebracht? Wie konnte es zu der Entstehung dieser einzigartigen Naturlandschaft überhaupt kommen?

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Dieses von Wind und Wetter zerfurchte Ödland ist das trockenste Gebiet in ganz Europa. Der wenige Regen, der hier fällt, es sind nur rund 200 ml im Jahr, reicht nicht aus, um die Pflanzen mit Wasser zu versorgen. Dennoch wachsen im Desierto Tabernas ein paar strubbelige Sträucher und Gräser. Cristina erklärt uns, dass die Vegetation dank des unterirdischen Wassers sprießen kann. Denn unter der Wüste fließen die Niederschläge, die in den nahe gelegenen Bergen gefallen sind, weiter Richtung Meer. An einigen Stellen kann man das Wasser sogar fließen sehen. Doch genießbar ist es nicht. Wegen des hohen Eisenanteils und des starken Salzgehalts, den das Wasser aufgrund der mineralhaltigen Gesteinsschichten erreicht, kann man es nicht trinken. Die wenigen Pflanzen, die in dieser unwirtlichen Gegend überleben, müssen das Salzwasser vertragen.

Cristina hält mit dem Jeep an einem besonders bizarr wirkenden Felsgebilde an. Vor vielen Millionen Jahren war das hier alles einmal Meeresboden. Wir dürfen die Felsen berühren. Schon als ich nur mit dem Finger über die alten Steine streiche, beginnt die Felswand zu zerbröseln. Als vor über zwei Millionen Jahren der afrikanische und der europäische Kontinent zusammenstießen, faltete sich der weiche Meeresboden auf und die Sedimentschichten stellen sich an einigen Stellen fast senkrecht in die Luft. Nachdem sich das Meer dann immer weiter zurückzog, blieben diese zerklüfteten Felsen zurück.

 desierto tabernas

An manchen Stellen der Desierto Tabernas treffen wir auf so merkwürdige Formen, dass es schwerfällt zu glauben, Mutter Natur habe so etwas hervorgebracht. Die harten Steine sehen aus wie ein aus Pappmachee gebautes Set, das beim letzten Filmdreh übrig geblieben ist. Doch es sind wirklich die unbändigen Kräfte der Erde selbst, die diese Landschaft gestaltet haben.

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So unwirtlich die Wüste auf den ersten Blick auch aussieht, es stecken jede Menge Leben und viele Geheimnisse auf diesen Stückchen Land, dass sich über fast 280 km², fast bis zur Sierra Nevada erstreckt. Völlig unerwartet blüht es hier oder dort, kleine Käfer krabbeln an den salzhaltigen Blättern einer sukkulenten Pflanze empor und an einer Stelle wachsen sogar echte Palmen. „Für den Film Lawrence of Arabia wurde hier eine kleine Oase mit einem Wasserbecken angelegt“, erzählt Cristina.

palmen desierto tabernas    desierto tabernas

An einer Stelle kommen wir sogar an den Ruinen einer kleinen Siedlung vorbei. Im sechzehnten Jahrhundert, als die christlichen Herrscher Kastiliens die Mauren aus den Kalifaten im Süden der Iberischen Halbinsel vertrieben, mussten viele Menschen fliehen. Viele Jahrhunderte lang hatten hier Mauren, Juden und Christen friedlich miteinander gelebt. Eine Zeit lang nach der Eroberung wurden Mauren dann von den Christen zwangskonvertiert. Doch schließlich wurden auch diese Morisken verjagt. Einige von ihnen suchten hier in der Wüste Schutz. Dank schlauer Wasserleitungssysteme und einer Mühle gelang es ihnen, in dieser unwirtlichen Gegend zu überleben.

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 desierto tabernas

Infos: der Wilde Westen in Tabernas

Außer Fort Bravo gibt es noch zwei andere Westernstädte: Mini Hollywood und Western Leone. Auch wenn Mini Hollywood einmal die erste Westernstadt in der Gegend war, ist sie heute mehr ein Freizeitpark für Familien mit Kindern, in denen Schauspieler den Wilden Westen wieder aufleben lassen. Fort Bravo mit dem Texas Hollywood Sign am Eingang ist dagegen eine stumme Westkernkulisse, die wirklich einsam und verlassen inmitten der Wüste liegt. Hier streifst Du fast komplett allein durch die wenigen Straßen. Nur zur Show, die jeden Tag in der Mittagszeit stattfindet, treffen sich die paar Besucher auf dem Platz vor dem Saloon.

Fort Bravo – Texas Hollywood
Paraje del Unihay
04200 Tabernas, Almería
Website: fortbravooficial.com
Eintritt: 19,40 Euro für einen Erwachsenen leider ganz schön teuer. Für Kinder, Jugendliche, Rentner gelten ermäßigte Preise.
Es gibt sogar ein paar Bungalows die man mieten kann um im Wilden Westen zu übernachten!

kutsche Fort Bravo Tabernas

Mini Hollywood
Carretera Nacional 340A, km 464
04200 Tabernas, Almería
Website: www.oasysparquetematico.com
Mini Hollywood ist mittlerweile ein richtiger Freizeitpark geworden und sogar noch teurer (22,50 Euro), dafür ist dort aber auch „mehr los“

Western Leone
A-92, 378.9 km
04200, Almería
Website: www.western-leone.es
Die jüngste und kleinste der drei Westenstädte. Western Leone wurde von Sergio Leone extra für „Once upon a time in the West“ angelegt und ist heute ebenfalls ein Freizeitpark.

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Infos Tour Desierto Tabernas
Malcaminos mit Cristina
Website: www.malcaminos.com

cristina zeigt indina jones desierto tabernas

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Restaurant Tipp Tabernas:
Unbedingt empfehlen kann ich das kleine Restaurant an der Hauptstraße in Tabernas. Für wenig Geld gibt es ein Mittagsmenü mit traditionellen, sehr leckeren Gerichten. Außerdem ist Juan der Kellner echt mega nett. Er hat uns sogar seinem dreijährigen Sohn vorgestellt. Wirklich gut – und kein Touristennepp.

restaurant tabernas

Cafeteria Bar Hostal El Puente
Av. Andalucia, 30
04200 Tabernas, Almería
Website: www.hostalelpuente.com

Unsere Unterkunft:
Cortijo el Sarmiento
Camino de Gatar 2
04638 Mojácar (Almería)
Website: www.el-sarmiento.com

mojacar

Zur Übernachtung im Cortijo el Sarmiento wurde ich eingeladen. Vielen Dank dafür! Die im Text dargestellte Meinung ist davon unbeeinflusst. Alle eventuellen Ausbrüche von Begeisterung beruhen vollständig auf meinem ganz persönlichen Temperament.

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