Die Sonne geht auf im Barlavento

Unterwegs im südwestlichsten Zipfel der Algarve. Es duftet nach Oregano und wildem Fenchel. Kleine Ameisen laufen über die rote Erde vor uns auf dem Weg und tragen trockene Grashalme in ihren Bau. Von der Casa das Furnas aus führt ein Weg bis zu dem kleinen Strand, der Praia das Furnas hinunter.

praia das furnas Barlavento algarve

Das Haus in dem wir zu Besuch sind stand hier schon, ehe die Gegend zum Nationalpark erklärt wurde. Heute darf hier niemand mehr bauen, denn die einmalig schöne Küstenlandschaft des Barlavento ist mittlerweile geschützt. Hier im Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina sind nämlich Störche, Adler, Kormorane, Wanderfalken, Eulen, Luchse, Dachse und Fischotter zu Hause. Immer wieder suchen Michi und Ricardo den Himmel mit dem Fernglas nach spannenden Greifvögeln ab.

casa das furnas

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casa das furnas Barlavento

Als wir gestern ankamen, duftete es schon nach frischem Brot. Ricardo, der Hausherr und unser Gastgeber, hatte nämlich Brot für uns gebacken und es gerade erst aus dem Backofen geholt. Es war noch ganz heiß. Da die Casa das Furnas weder an ein Strom- noch an ein Wassernetz angeschlossen sind, lebt es sich hier sehr naturverbunden. Ricardo hat sein eigenes Wassersystem und erzeugt seinen eigenen Strom. Er lebt hier oben quasi autark, nur vom Wind und von der Sonne. Der Tagesablauf richtet sich nach der Wetterlage, denn je nachdem ob  die Energiespeicher des Hauses aufgeladen sind oder nicht, kann man elektrische Geräte benutzen oder eben nicht. Trotz der Einsamkeit inmitten der Natur ist die Casa das Furnas mit allem ausgestattet, was man so braucht. Sogar Internet gibt es.

casa das furnas

Früh am nächsten Morgen sind wir auf, um die ersten Sonnenstrahlen auf diesem Hügel an der Algarve zu sehen. Fast eine halbe Stunde lang erleben wir mit, wie die Sonne sich ganz allmählich aus dem Meer erhebt und den Himmel dann in den buntesten Pastellfarben leuchten lässt. Kitschig-schön wie Sonnenaufgänge nun mal sind, musste ich von diesem Sonnenaufgang gefühlte hundert Fotos schießen. Der hier war aber auch wirklich bezaubernd.

casa das furnas

casa das furnasSonnenaufgang – Barlavento  – im Westen der Algarve  

casa das furnas Barlavento

casa das furnas

Unten am Strand haben die “Hippies”, so nennt Ricardo die jungen Leute, die hier leben, eine alte Ruine wieder hergerichtet. Sie wohnen nun in diesem alten Haus am Strand und in den umliegenden Höhlen am Hang. Die Männer und Frauen hämmern und klopfen fleißig an ihrem Häuschen herum. Bestimmt zehn Leute stehen oder sitzen dort, sind irgendwie beschäftigt oder unterhalten sich einfach.

Die Praia das Furnas ist eigentlich ein Nacktbadestrand, aber so genau nimmt das hier niemand. Einige der Arbeitenden sind angezogen, andere tragen nur ein paar große, bunte Kreise auf den Popo und Rücken gemalt. Weiter vorn liegen drei junge Frauen im Sand. Eine von ihnen mit einer Trommel auf dem Schoss. Sie sehen aus, als hätten sie schon ziemlich viel Kräuterentspannungstee getrunken. Als wir näher kommen, setzt die Trommlerin kurz zu einem Lied an. Wir grüßen freundlich, alle lächeln, dann endet die Musik auch schon wieder. Neben uns fachsimpelt ein junger Bayer in Lederhose gerade mit zwei Hausbewohnern darüber, welche Raves sie unbedingt noch besuchen müssen. Irgendwie ist das hier unten ja eine sehr lustige Truppe. Gut drauf sind sie jedenfalls alle.

praia das furnas

Vila do Bispo

vila do bispo algarve

Vila do Bispo ist die Kreisstadt, verwaltungstechnisch das Zentrum dieses südwestlichen Zipfels der Algarve. Wir bummeln über den kleinen Markt und gucken, was hier wächst und welche Fische es so gibt. Ich kaufe ein wenig Oregano. Die kleine Stadt hat nur 5.000 Einwohner. Der Turm des Getreidesilos ragt über die Dächer der kleinen Stadt. Früher lebte man hier vom Getreideanbau. Das Korn mahlte man zu Mehl, um daraus Brot zu backen, doch heute dient es nur noch als Schweinefutter. Die Erde ist trocken, es gibt zu wenig Wasser, das Leben von der Landwirtschaft ist hart. Die jungen Leute ziehen weg und suchen in den großen Städten Arbeit.

markt Vila do bispo

Wir gehen durch Vila do Bispo bis zur Kirche. Die Igreja Matriz de Nossa Senhora da Conceição stammt aus dem achtzehnten Jahrhundert und ist innen über und über mit blauen Kacheln geschmückt.

kirche Vila do bispoIgreja Matriz de Nossa Senhora da Conceição (Vila do Bispo)
kirche Vila do bispo Barlavento

Sagres

Am südwestlichsten Zipfel Europas liegt das Cabo de São Vicente. Seeleute wissen, wie gefährlich die Strömungen hier sein können, denn hier treffen zwei Meere und verschiedene Winde aufeinander. Früher sagte man, die Seeleute holten die Segel aus Respekt vor dem Heiligen Vicente ein. Doch erfahrene Segler wissen, es ist Vorsicht geboten, sobald sie sich dem Leuchtturm nähern. Am besten umfährt man das Cabo von Norden nach Süden am frühen Morgen, denn dann fährt man mit dem Wind (nicht dagegen) – doch wirklich einfach ist es hier nie. Vermutlich ist der Leuchtturm hier deswegen einer der stärksten ganz Europas. Sein Leuchtfeuer soll noch 90 Kilometer von der Küste entfernt zu sehen sein.

cabo sant vicente sagres leuchtturm Barlavento

cabo sao vicente sagres faro

Die Südküste der Algarve ist nicht ganz so windig, wie die Ostküste. Die Schiffe sind dort besser geschützt. Der heftige Wind des Atlantiks ist auch der Grund dafür, dass die wärmsten Monate an der Costa Vicentina nicht Juli und August sind. Erst im September, wenn der Wind abflaut, wird es hier angenehm warm. Im Sommer frischt der starke Wind nämlich die Temperaturen auf.

sagres leuchtturm Barlavento

sagres leuchtturm Cabo sao vicente

Ein paar Kilometer weiter an der Ponta do Sagres warteten die Seefahrer früher auf günstige Wetterbedingungen, um das Kap unbeschadet zu umsegeln. Oben auf den Klippen erhebt sich eine alte Festung. Die Fortaleza de Sagres stammt aus dem fünfzehnten Jahrhundert, und wurde zu Zeiten Heinrichs des Seefahrers errichtet. 1755 wurden bei einem heftigen Erdbeben und dem darauf folgenden Tsunami große Teile der Festung zerstört. Das Erdbeben richtete auch in anderen Teilen Portugals schwere Schäden an.

festung sagres Igreja de Nossa Senhora da Graça

Die Anlage wurde bald schon wieder aufgebaut, denn sie befand sich an einem strategisch wichtigen Punkt. Erst zu Beginn des letzten Jahrhunderts entdeckte man jedoch den riesigen Steinkreis wieder, der sich über den Boden im Inneren der Festung erstreckt. Immerhin 43 Meter misst der Kreis im Durchmessen und ist in genau 42 Felder eingeteilt. Ob es sich um eine Windrose oder eine Sonnenuhr handelt, weiß man bis heute nicht.

festung sagres

 

Torre da Aspa

Von Sagres bewegen wir uns ein Stück an der Costa Vicentina hinauf. Ursprünglich befand sich im sechzehnten Jahrhundert ein Wachturm an dieser Stelle. Von hier aus kann man das Meer und die umliegenden Strände so gut überblicken, dass man rechtzeitig vor Piratenüberfällen gewarnt war. Der Turm ist heute längst verschwunden. An seiner Stelle erhebt sich ein weißer Obelisk mit schwarzem Balken, der als geodätischer Messpunkt dient und den höchsten Punkt der Küste kennzeichnet: 156 Meter.

Ganz in der Nähe befindet sich ein verlassenes Zollgebäude. Die Beamten hatten vermutlich ganz ähnliche Aufgaben wie die Soldaten in der Torre da Aspa. Von ihrer Lage oben auf der Klippe, die umliegenden Strände im Auge zu behalten. Allerdings hielten sie in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts wohl nicht unbedingt nach Piraten, sondern eher nach Schmugglern Ausschau.

praia torre aspa portugal Blick auf die Praia da Murraçao

torre da aspa algarve Barlavento

Ricardo zeigt mir die Kapselfrüchte einer Zistrosenart, die flor de la esteva. Lustigerweise kann man die Kapsel tanzen lassen wie einen Kreisel! Jedenfalls, wenn man etwas Übung darin hat.

pflanze Praia Algarve BarlaventoCistus ladanifer – Esteva 

torre aspa gelbe pflanze

torre aspa algarve

Algarave casa del guuardia forestal

Unweit von der Torre da Aspa steht noch ein weiteres halb verfallenes Gebäude. Es ist eine verlassene casa forestal, eine ehemalige Försterei, in der ein Förster mit seiner Familie lebte. In den vierziger Jahren gab es viele dieser Forsthäuser in ganz Portugal. Die Förster hielten die Wälder und Wiesen in Ordnung, lieferten den Bäckereien Holz für ihre Backöfen und stellten Jagdlizenzen aus. Dafür durften sie mit ihrer ganzen Familie in einem schönen Haus wohnen. Nur leider lagen dieser Häuser oft sehr weit weg von den Ortschaften. Weil die Familien sich selbst versorgen mussten, waren diese Forsthäuser immer mit einer Zisterne und einem eigenen Generator ausgestattet.

Raposeira

Der kleine Ort Raposeira gefällt mir auf Anhieb. Vielleicht gerade, weil hier so wenig los ist. Wir parken vor der kleinen Kirche mitten im Dorf. An der Fassade der Igreja de Nossa Senhora da Encarnação lassen die maritimen Motive den für das Portugal der Seefahrer typischen manuelinischen Stil erkennen.

raposeira

Nur zwei Kilometer weiter außerhalb Raposeiras liegt noch eine Kirche, die Capela de Nossa Senhora de Guadalupe. Ein Pfad führt geradlinig auf die kleine Ermita zu. Die Kapelle soll eine der ältesten Kirche an der Algarve sein und schon im 13. Jahrhundert von Rittern des Christusordens errichtet worden sein. Doch Ricardo erinnert sich daran, dass die kleine Kirche habe viele Jahrzehnte lang leer stand. Schäfer hätten sie als Unterstand für ihre Schafe genutzt. Doch irgendwann restaurierte man den alten Bau und hat nebenan sogar ein kleines Museum eingerichtet.

alte Kirche Algarve

Praias – Strände im Barlavento

Die ungestüme Kraft des Meeres, wenn die Wellen auf die schroffen Felsen der Küste treffen, der Duft nach wilden Kräutern und salzigem Wasser des Atlantiks – egal welchen der Strände man hier im Barlavento besucht, es ist jedes Mal ein atemberaubender Anblick.

Rota VicentinaMiradouro Castelejo – Blick auf die Praia da Cordoama

praia ponta ruviaPraia Ponta Ruvia

praia da ingrinaPraia da Ingrina

Die Praia da Ingrina ist anders als die meisten anderen Strände, weil das Ufer flacher und die Küste nicht so steil ist. Hier trifft man eher SUPs und Bodyboards, als Surfer. Gar nicht weit von der Praia entfernt liegt einer der zahlreichen Menhire, die es überall im Barlavento gibt.  

Menhir

Vor ein paar Jahren sollte in der ehemaligen Flussmündung von Boca do Rio ein schicker Yachthafen gebaut werden, doch die Pläne wurden schließlich wieder eingestampft. Dafür haben Archäologen die Ruinen einer römischen Garum-Fabrik entdeckt. Hier wurde also früher diese würzige Soße hergestellt, nach der die alten Römer ganz verrückt gewesen sein sollen.

Boca do riu algarve

Porto da Beleeira

In dem Fischereihafen von Beleeira liegen noch richtig viele Boote im Wasser. Hier leben die Fischer nach wie vor vom Fang der Fische und Meeresfrüchte, mit denen sie die Märkte und Restaurants der Umgebung beliefern. Es gibt aber auch Ausflugsboote zur Erkundung der Meeresflora und Fauna, die nicht nur Delfine und Vögel beobachten, sondern mit der Universität zusammenarbeiten, um das Leben im Meer zu erforschen. Immer wieder kommt es vor, dass sie neue Pflanzen oder Tierarten entdecken.

Fischereihafen Beleeira
porto Beleeira Barlavento

Salema

Mit langer Schürze und hohen Gummistiefeln bekleidet steht ein alter Fischer am Strand und befreit sein Netz von toten Krabben und Krebsen. Etwas weiter säubern zwei ältere Herren in weißen Hemden die Seile ihrer Boote von verkrusteten Muscheln. Daneben sitzen vier alte Herren auf Plastikstühlen, einer auf einen Gehstock gestützt, ein anderer mit Schirmmütze, und beobachten wie ein jüngerer Mann die blauen Kisten mit dem frischen Fang entlädt. Es riecht nach Fisch, nach Meersalz und Motoröl. Eine Duftmischung, die jedes Mal Kindheitserinnerungen in mir weckt.

salema fischer Algarve

Eine schwarze Katze schleicht sich an. Dann nähern sich auch noch eine Getigerte und eine Grau-weiße. Die Grau-weiße stibitzt gerade geschickt etwas aus einer der Kisten, während die anderen sanft aber deutlich mit dem Fuß weg gestupst werden.

Katze Salema

In Salema haben sich viele Engländer niedergelassen. In den 80er Jahren haben viele von ihnen hier Ferienhäuser gekauft und verbringen nun viel Zeit hier. Weil der Naturpark hier endet, konnten hier noch Häuser, teure Villen und Wohnungen für Touristen gebaut werden. Im Naturpark geht das nicht. Doch noch schieben hier in Salema die Fischer ihre Boote ins Wasser.

Boot Salema
Salema Algarve

Burgau

Burgau ist ein netter kleiner Ort, nicht ganz so ruhig wie im Naturpark, aber mit ein paar kleinen Cafés und Boutiquen. Östlich von Burgau liegt Lagos. Ab da ist es mit der Ruhe und Einsamkeit des Naturparks endgültig vorbei. Die Küste zwischen Lagos und Faro ist fest in Hand der Besucher aus aller Welt.

Algarve Burgau Barlavento

Barlavento – im Westen der Algarve

Was genau ist das Barlavento? Barlavento meint eigentlich das, was man im Deutschen Luv nennt, die dem Wind zugeneigte Seite. Barlavento hat sich im Laufe der Zeit aber zu einer Bezeichnung der gesamten Region im Westen der Algarve entwickelt. Hier liegt unter anderem der Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina, aber auch Lagos, Portimão und Albufeira gehören noch dazu. Die östliche Seite der Algarve von Loulé bis zur spanischen Grenze.

Praia Algarave

Weil die Windbedingungen der Algarve die Surfer in Scharen anzieht, verstopfen die mit ihren Campingbussen zu bestimmten Jahreszeiten die Buchten und Strände regelrecht. Dabei kann man hier so toll Wandern! Ich bin mittlerweile ein echter Fan der langsamen Wanderungen entlang der Küste oder auf einem der Rundwege. Einen Überblick über die verschiedenen Fernwanderwege findest Du hier www.portuguesetrails.com. Über meine Erfahrungen auf der Rota Vicentina und der Rota Algarviana habe ich letztes Jahr schon berichtet. Auf der Seite www.visitalgarve.pt findest Du neben unter den vielen Infos auch einen  einen kleinen Streifzug durch die Geschichte der Algarve.

Unterkunft:
Die Casa das Furnas findest Du übrigens ganz normal auf booking.com. Eine richtige Adresse gibt es natürlich nicht, weil das Haus oben auf dem Berg, nahe der Praia das Furnas liegt.
Anfahrt:
Wir sind mit dem Auto an die Algarve gerfahren. Von Barcelona aus an der Küste entlang Richtung Süden, bis nach Almeria. Dort haben wir zwischenübernachtet und sind von Andalusien aus dann weiter bis an die Costa Vicentina gefahren. Den Rückweg haben wir über Elvas, Extremadura, quer durch Spanien in Richtung Valencia gemacht. Von dort aus waren es dann nur noch ein paar Stunden bis Barcelona.

Praia Strand Algarve

 

2 Comments

  • sehr schöner Bericht, da ich vor ca. 35 Jahren das letzte Mal an der Algarve war hat sich doch
    vieles weiterentwickelt.Macht Lust darauf noch einmal dorthin zu fahren.

    • Das freut mich 🙂 ein bisschen Geduld müssen wir wohl alle gerade haben – aber irgendwann können wir auch wieder die Sonne über der Algarve aufgehen sehen!
      Liebe Grüße bis dahin
      Nicole

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