Dynamit aus Paulilles – eine Bucht mit Sprengkraft

Nur ein Tropfen Nitroglyzerin genügte, um ein ganzes Gebäude in die Luft zu sprengen. Ungläubig staunend höre ich Alina zu, als sie mich durch die Überreste der alten Dynamitfabrik in Paulilles führt. Doch alles ist wahr. Diese Geschichten sind nicht ausgedacht. Insgesamt fünfmal kam es hier zu schweren Explosionen. Immer wieder verloren die Arbeiter ihre Finger und Hände – oder gar das Leben.

Alina ist viel mehr als nur ein Guide in der Anlage von Paulilles. Ihre beiden Großmütter haben jahrzehntelang in dieser Fabrik gearbeitet. Mit einer wahrhaft ansteckenden Begeisterung berichtet sie zwischen all den offiziellen Informationen immer wieder von den ganz persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen ihrer Oma Jeanne.

anse de paulilles dynamitfabrik anse de paulilles dynamitfabrik

Wo sich heute eine parkähnliche Grünanlage erstreckt, verteilten sich vor rund hundert Jahren noch die unzähligen Gebäude des Fabrikkomplexes. 1868 schlossen sich Alfred Nobel und Paul Barbe zusammen, um die neuen, explosiven Erfindungen auch in Frankreich zu fabrizieren. Monsieur Barbe wurde Nobels offizieller Repräsentant und war dort für die Herstellung und den Verkauf des Dynamits verantwortlich. Barbe war ein exzellenter Geschäftsmann und weit weniger skrupellos als Nobel. Auch wenn die beiden Männer persönlich keine Freunde wurden, funktionierte das Geschäftsmodell zunächst bestens. Später schadeten Barbes Verwicklungen in illegale Spekulationen und Skandale dem Ruf Alfred Nobels jedoch beträchtlich.

Doch zu Beginn der Zusammenarbeit verlief noch alles gut. 1870 entstand die erste französische Dynamitfabrik in Paulilles, fernab der großen Städte. Die Lage der Fabrik in Paulilles hatte man mit Bedacht gewählt. Nicht nur war man hier kurz vor der spanischen Grenzen weit von Preußen und wichtigen größeren Siedlungen entfernt. Auch die Nähe zum Meer und der Anschluss an das Eisenbahnnetz spielten bei der Standortwahl eine wichtige Rolle. Da die Franzosen zu diesem Zeitpunkt gerade wieder in eine kriegerische Auseinandersetzung mit den Preußen verwickelt waren, hatte Premierminister Gambetta großes Interesse an der Produktion dieser neuen Explosivstoffe. So weit von Preußen entfernt, wie nur irgend möglich, sollte im Süden Frankreichs Sprengstoff für das Militär hergestellt werden.

Wie Aline berichtet, war die Arbeit sehr gefährlich. Noch war man nicht sonderlich geübt im Umgang mit diesem völlig neuen, explosiven Material. Um den Schaden bei auftretenden Unfälle möglichst gering zu halten, war nur das Fundament der Gebäude aus Stein. Der Großteil der einzelnen Räume wurde aus Holz gebaut, denn dieses relativ leichte Material flog bei einer Explosion nach oben und beschädigte nicht auch noch die benachbarten Gebäude. Um unnötige Todesfälle zu vermeiden, arbeiteten nach den ersten schweren Unfällen jeweils nur noch zwei Leute in einem Raum. Die Arbeiter durften sich aussuchen, mit wem sie zusammen arbeiteten. Alines Oma Jeanne arbeitete jahrzehntelang mit ihrer Schwester zusammen. Sie waren ein gut eingespieltes Team. Immerhin konnte ihr Leben von der Zuverlässigkeit der Kollegin oder des Kollegen abhängen.

anse de paulilles dynamitfabrik

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Obwohl die Arbeit wirklich gefährlich war, mangelte es der Fabrik nie an Arbeitskräften. Die Arbeiter riskierten ihr Leben. Doch wie Oma Jeanne erzählte, müssen die Arbeitsbedingungen für die damaligen Verhältnisse geradezu himmlisch gewesen sein. Es gab eigene Wohnungen für die Arbeiter, eine Schule, eine Kirche. Alles war sauber und man verdiente anständiges Geld. Das war zu Beginn des letzten Jahrhunderts beileibe keine Selbstverständlichkeit. Neben den Fabrikgebäuden und Wohnhäusern entstanden sogar kleine Gärten, Wirtschaftsgebäude und Läden für die Menschen, die hier wohnten und arbeiteten. Mehr als hundert Gebäude verteilten sich hier über das Gelände. Die Anlage in Paulilles war praktisch ein eigenes kleines Dorf.

Die Arbeit mit den explosiven Stoffen hatte nicht selten schwere Auswirkungen auf die Gesundheit. Einige der Arbeiter erlitten sogar einen Montagsinfarkt, den infarctus du lundi. Da dieses plötzliche Anfall immer nur montags auftrat, dauerte es eine Weile, bis man die Ursache für die plötzlichen Todesfälle herausfand. Der Grund war ein Stoff, den die mit dem Dynamit hantierenden Arbeiter Tag für Tag einatmeten, Ethylenglycol. Bei den Männern und Frauen, die täglich mit diesem Material zu tun hatten, sorgte dieser Stoff für eine Erweiterung der Arterien. An den arbeitsfreien Sonntagen zogen sich die Blutgefäße der Männer und Frauen wieder zusammen. Sobald sie dann aber am Montag erneut in Kontakt mit dem diesem Stoff kamen, drohten die Blutgefäße regelrecht zu explodieren.

Doch die Arbeiter seien nicht dumm gewesen, erzählt Aline. Ihre Oma und viele ihrer Kollegen hätten stets ein Halstuch getragen, das sie heimlich mit dieser arterienerweiternden Flüssigkeit tränkten. So atmeten sie auch an Sonntagen diesen Stoff ein, der die Arterien geöffnet hielt.

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Als in den 60er Jahren die Herstellung von Dynamit nicht mehr lukrativ war, verkaufte man die Fabrik an den französischen Staat, der die Anlage 1984 endgültig schließen musste. Viele Jahre lang wurde das Gelände in Paulilles zu dem, was man heute wohl einen Lost Place nennen würde. Die Gebäude zerfielen, die Fabrik war verlassen. Doch zum Glück entschloss man sich die Erinnerung an die Geschichte dieses Ortes zu bewahren und hier eine Mischung aus Gedenkstätte und Freizeitpark anzulegen.

Heute ist alles sauber und hübsch aufgeräumt. Im ehemaligen Garten des Fabrikdirektors, der auf dem Gelände lebte, wachsen heute wieder exotische Pflanzen aus aller Welt. Ein kleiner botanischer Garten, der genauso gepflegt wird, wie die Alleen und Grünflächen. Ein paar der verbliebenen und restaurierten Gebäude werden für Ausstellungen oder als Forschungs- und Lehrwerkstatt des traditionellen Bootsbaus genutzt. Und im Sommer tummeln sich an dem schönen Strand der Anse de Paulilles die Besucher und genießen ein Bad im Meer.

park anlage anse de paulilles dynamitfabrik

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Infos l’Anse de Paulilles

Bei der Einrichtung der Anlage hat man wirklich an alles gedacht. Sie ist ökologisch und sozial nachhaltig gebaut. Sie ist im Rollstuhl befahrbar, in den Gärten wird heute keine Chemie mehr eingesetzt, und wer Müll produziert, muss den auch bitte wieder mitnehmen, denn Mülleimer gibt es hier nicht.

Adresse:
Maison du Site de l’Anse de Paulilles 

RD 914
66660 Port-Vendres
Website: ledepartment66.fr

Viele Infos zur Geschichte der Fabrik und über den infarctus du lundi findest Du hier (auf Französisch) Fiche-Thematique-Histoire-Paulilles. Mehrmals im Jahr macht Aline kostümierte Führungen auf den Spuren ihrer Oma Jeanne. Ausführliche Tipps und Infos, auch zum Hinkommen, findest Du bei Hilke auf dem Blog Mein Frankreich.

Öffnungszeiten:
Bis auf einige besondere Feiertage ist die Anlage in Paulilles das ganze Jahr über geöffnet. Im Juni, Juli und August ist von 9 Uhr morgens bis 20 Uhr abends, im April, Mai, September und Oktober bis 19 Uhr abends geöffnet. Die restlichen Monate sind die Öffnungszeiten von 9 bis 17 Uhr.

Hotel Tipp: Hôtel Les Elmes

Ganz in der Nähe der Bucht l’Anse de Paulilles liegt der kleine Ort Banyuls-sur-Mer. In einer der Buchten dort, den Strand sozusagen direkt vor der Haustür, findest Du das Hôtel Les Elmes. Von der Straße aus sieht es relativ unscheinbar aus, doch das kleine Hotel ist ein wirklich guter Tipp. Die Leute dort waren alles unglaulich nett, gut gelaunt und hilfsbreit. Mein Zimmer war nicht nur echt groß und sehr sauber, sondern es hatte einen tollen Balkon mit Aussicht auf den Strand. So fiel mein erster Blick am Morgen, schon beim Aufwachen vom Bett aus, direkt aufs Meer!

Bucht hotel des elmes banyuls-sur-mer

Hotel des elmes banyuls-sur-mer

Im Hotelzimmer kann man sich einen kleinen Kaffee oder Tee machen, bevor es dann zum ausführlichen Frühstück nach unten geht (wieder mit Meerblick!). Am Abend habe ich im Restaurant des Hotels sehr, sehr lecker gegesessen. Auf dem Tisch stand neben Pfeffer, Salz und gutem Olivenöl auch der Essig aus Nathalies Vinaigrerie, die hier auch gleich um die Ecke liegt. In meinem Luxuszimmer gab es sogar noch ein Jakuzzi, in dem ich eigentlich gemütlich hätte baden können, wenn ich nicht schon totmüde in mein kuscheliges Bett gefallen wäre. hotel des elmes banyuls-sur-mer restaurant

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Hôtel Les Elmes
Plage des Elmes
66650 Banyuls-sur-Mer
Website: www.hotel-des-elmes.com

 hotel des elmes banyuls-sur-mer Hotel mit Meerblick – beim Frühstück, im Restaurant, auf dem Balkon und aus der Badewanne 

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Blogtrips, zu dem ich von Tourisme Occitanie eingeladen wurde. Meine Begeisterung ist davon wie immer unbeeinflusst und beruht einzig und allein auf meiner ganz persönlichen Liebe zu dieser schönen Gegend. 

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