Lleida, die schöne Unbekannte

Was ich genau erwartet habe, weiß ich gar nicht so richtig, aber ich war überrascht. Mittlerweile kenne ich Katalonien ziemlich gut, dachte ich, doch Lleida war bis vor Kurzem ein weißer Fleck auf der Landkarte meiner neuen Heimat. Dabei liegt diese Stadt gerade mal eine Autostunde von Barcelona entfernt. Wieso war ich bisher noch nicht dort? Ich habe keine Ahnung. Vielleicht, weil es nicht am Meer liegt? Vielleicht weil sie nicht zu den berühmten Top Sehenswürdigkeiten zählt? Es war wirklich Zeit, diese unbekannte Seite Kataloniens nun endlich einmal kennenzulernen. Mit der Bahn fahre ich also vom Hauptbahnhof Sants direkt bis Lleida.

Lleida Stadtbummel

In Lleida angekommen, treffe ich mich mit Olga, die mich durch die Stadt führt. Während wir durch die Haupteinkaufsstraße in Richtung Zentrum bummeln, zeigt sie mir gleich ein paar der modernistischen Gebäude. Die gibt es hier nämlich auch. Allerdings stammen sie fast alle vom selben Architekten, nämlich von Morera i Gatell. Als junger Mann ging Morera nach Barcelona, lernte dort von den berühmtesten Modernisten seiner Zeit, und kam so inspiriert als Architekt in seine Heimatstadt zurück.

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Zwischen den modernistischen Bauten befinden sich viele neuere Gebäude mit kleinen Läden. Wenn man ganz genau hinsieht, kann man mitten in den Geschäften Reste der gotischen Architektur finden.

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Ein gut erhaltener, mittelalterlicher Bau ist das Wohnhaus einer reichen Bürgerfamilie, das später zum Rathaus umfunktioniert wurde. Das Rathaus nennen sie hier in Lleida aber nicht Ayuntamiento, wie in anderen spanischen Orten, sondern Palau de la Paeria. Der Name stammt aus dem Lateinischen, wie mir Olga erklärt. Paer en Cap nennt man bis heute den Bürgermeister. Das bedeutet so etwas wie „Mann des Friedens“ und bezeichnete denjenigen, der über die Gemeinde herrschte.

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Noch mehr beeindruckt hat mich allerdings das ehemalige Krankenhaus Hospital de Santa Maria, das gegenüber der neuen Kathedrale liegt. Nur kurz betreten wir den gotischen Innenhof mit den hohen Palmen.

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Vor einem der ehemaligen Stadttore erhebt sich ein Denkmal, das an die iberischen Stämme erinnert, die auf der Halbinsel lebten, lange bevor die Römer hier ankamen. In der Mauer direkt dahinter sind noch Einschusslöcher aus dem Spanischen Bürgerkrieg zu erkennen. Zwei ganz unterschiedliche Momente aus der Vergangenheit dieser Stadt, und zwischen diesen beiden Punkten liegt eine lange Geschichte.

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Olga fasst für mich den Stadtplan in ein paar Sätzen zusammen. Das eigentliche Herz Lleidas liegt oben auf dem Hügel, Turó, nennt man den hier. Dort oben befinden sich die Reste der alten Königsburg und die Kathedrale Seu Vella. Zwischen diesen Gebäuden lagen die engen Gassen und kleinen Häuser des mittelalterlichen Lleidas. Davon ist heute allerdings nicht viel übrig geblieben.

Das heutige Lleida erstreckt sich in mehreren Ringen um den Hügel herum. Die Menschen siedelten sich vorwiegend nach Berufsgruppen in dem einen oder anderen Viertel an. Das lag nicht nur daran, dass es schickere, reichere und einfachere, ärmere Viertel gab, sondern vorwiegend an der Lage der Viertel.

Noch heute ist die Gegend um Lleida ein einziger großer Garten. Wenn die Obstbäume blühen, muss das hier fantastisch aussehen. In den Vierteln nahe am Fluss lebten also vorwiegend Obstbauern, die das Wasser für ihre Gärten brauchten. Auch die Wein- und Getreidebauer ließen sich möglichst nah am Wasser nieder.

„Zurzeit finden gerade Bauarbeiten und Ausgrabungen im alten jüdischen Viertel statt“, erzählt Olga. Dort hat man die Überreste gleich mehrerer Gerbereien und Textilwerkstätten entdeckt.

Um das Jahr 1300 wurde in Lleida eine Universität gebaut. Nach dem Zusammenschluss mit der Krone von Aragon lag die Stadt damals im Zentrum des katalanischen Reichs, das gerade begann, sich über das Mittelmeer auszudehnen. Um die Universität herum entstand ein ganzes Studentenviertel. Heute wirken die alten Gassen ziemlich leer und verlassen. Das Geschehen ist längst in andere Bereiche der Stadt weitergezogen und das ehemalige Gelehrtenviertel ist in einen Dornröschenschlaf verfallen. Vielleicht ist das aber auch gut so und die alten Häuser hier können sich einen gewissen Charme behalten, ohne von internationalen Modeketten in schicke Boutiquen verwandelt zu werden.

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Während wir auf dem kleinen Platz im Zentrum einen Café trinken, verrät Olga mir, dass direkt unter uns eine Kirche begraben liegt. “Die hat man gefunden, als man in den achtziger Jahren einen unterirdischen Parkplatz bauen wollte.” Natürlich wurden alle Bauarbeiten gestoppt und die Pläne mussten geändert werden. Ein Teil der unterirdischen Kirche kann man besichtigen. Oben auf dem Platz erinnert eine Treppe in Form der Apsis an das Gotteshaus im Erdboden. Natürlich konnte man hier inmitten der Stadt nicht alles ausgraben.

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neue kathedrale alte apsis auf plaza lleida freibeuter reisenFast schon unter der neuen Kathedrale befinden sich die Ruinen einer alten Kircheneue Kathedrale lleida

An einer Ecke der Plaza erhebt sich eine Art Leuchtturm, der mir bekannt vorkommt. Olga lacht, denn sie weiß, woher ich den Turm kenne. Der Platz wurde von demselben baskischen Architekten angelegt, der auch den Parc de l’Espanya Industrial in Barcelona entworfen hat. Dort stehen ganz ähnliche Türme, und zwar von Luís Peña Ganchegui.

Obwohl die Umgestaltung des Platzes mittlerweile dreißig Jahre her ist, gibt es immer noch ein paar ältere Leute, die sich mit dem vielen Beton einfach nicht anfreunden können, erzählt Olga. Ich sehe mich um. Es ist wirklich ziemlich modern und geradlinig,  aber Le Corbusier hat ja auch radikal mit dem Chichi und den Schnörkeln vorheriger Stile gebrochen und seine Werke zählen heute immerhin zum Welterbe der Menschheit! Manchmal muss man sich eben auch auf Neues einlassen.

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La Seu Vella – die alte Kathedrale von Lleida

Neben uns führt eine moderne Open Air Rolltreppe auf den Hügel, auf dem sich einmal die „Altstadt“ von Lleida befunden hat. Eine richtige Altstadt hat Lleida nämlich eigentlich gar nicht mehr. Das mittelalterliche Dorf, das einst auf dem Hügel, zu Füßen der Kirche lag, wurde schon vor Jahrhunderten abgerissen und die Steine zum Bau einer großen Festung verwendet.

festung baluarte lleidaEine mächtige Bastion, errichtet aus den Steinen der Häuser, die hier einst standen 

Wie viele Jahrhunderte Menschheitsgeschichte dieser Hügel schon erlebt hat. Die Iberer siedelten hier. Die Römer kamen und bauten Straßen. Maurische Kalifen ließen sich hier nieder. Im Mittelalter entstand die prächtige Kathedrale, um die herum sich ein lebendiges Gewirr enger Gassen erstreckt haben muss. Die Neuzeit brachte vor allem Kriege. Die guerra de Succesió und die guerra dels Segadors, der spanische Erbfolgekrieg und der Aufstand der Schnitter, veränderten das Angesicht des Hügels und der Stadt Lleida für immer. Aus dem Viertel auf dem Hügel wurde eine Festung. Alle Häuser wurden restlos niedergerissen. Aus ihren Steinen baute man die mächtige Bastion und errichtete neue Befestigungsmauern.

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Wir betreten die alte Kathedrale durch ein großes Portal, das früher einmal nur über eine Treppe zu erreichen war. Heute ist der Eingang ebenerdig. Die Kirche wirkt mächtig mitgenommen. Diese Mauern haben viel erlebt. Es gibt keine prächtigen Skulpturen und keine goldenen Altäre. Nur mächtige Säulen und nackte Wände. „Über zweihundert Jahre lang hatte man hier drin eine Kaserne eingerichtet. Bis 1948 marschierten und salutierten hier die Rekruten. Dann erst zog das Militär in eine neue, modernere Kaserne um“, erklärt Olga. Mitten im Kirchenschiff hatten die Soldaten Zwischendecken eingezogen, Schlafsäle, Büros und Latrinen eingerichtet. Alles, was an Kirchenschätzen einmal vorhanden gewesen sein muss, wurde schon vor langer Zeit in alle Welt zerstreut. Ein paar einzelne Stücke befinden sich heute im Museum der Stadt (übrigens ein sehr schönes Museum – lohnt absolut einen Besuch!).

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Olga zeigt mir die romanischen und gotischen Elemente der Struktur, die ich deutlich erkennen kann. Wie immer bei solchen riesigen Bauwerken zog sich auch der Bau der Kathedrale über mehrere Jahrhunderte hinweg und jede Epoche verewigte sich in ihrem eigenen Architekturstil.

Der Bau der alten Kathedrale begann Anfang des dreizehnten Jahrhunderts. Der Kreuzgang stammt aus dem vierzehnten Jahrhundert, der achteckige Turm aus dem fünfzehnten und die Canonge, die Räume der Kanoniker, aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert. in der kathedrale von lleida Wir wandeln geradezu durch die (fast) leere Kathedrale, blicken in die Nischen der ehemaligen Kapellen und gelangen zum Kreuzgang. Trotz der Nacktheit und der vielen Spuren, die die Zeit als Kaserne in der Kathedrale hinterlassen haben, finde ich gerade diese verletzliche Schlichtheit ausgesprochen schön. Sie wirkt auf mich nicht kühl, perfekt und unantastbar, wie viele alte Gotteshäuser, sondern das genaue Gegenteil davon. Diese Kathedrale ist wie eine gefallene Schönheit, ein vom Leben gezeichneter, alter Mensch, dessen Strahlen der jungen Jahre man durch die Falten hinweg noch immer spüren kann.

Während Olga mir die Legende der Jungfrau mit dem blauen Fleck und die Geschichte der Armenspeisung der Pia Almoina erzählt, sind wir im Kreuzgang angelangt. Was für ein Anblick! Riesengroße, wunderschön verzierte Bögen, durch die das helle Sonnenlicht in die Gänge scheint. Ich bin begeistert und stürze gleich zu einem der großen Bögen, der einen Blick auf die Stadt am Fuße des Hügels freigibt.

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La Suda – Castell del Rei, die Königsburg

Die Burg am höchsten Punkt des Hügels stammt aus dem neunten Jahrhundert. Es ist nur noch ein kleiner Teil erhalten, denn unter anderem lagerte man hier auch Schießpulver und das ist zweimal im Laufe der Jahrhunderte explodiert.

Aufgang burg La seu lleida

“Hier hat Hisham III, der letzte Kalif von Córdoba, Zuflucht gesucht, als sein Reich von den Berbertruppen Almansors erobert wurde” weiß Olga. Ganz im Gegensatz zum nördlicheren Katalonien haben die Mauren in Lleida nämlich rund vierhundert Jahre lang geherrscht, bevor Ramon Berenguer IV mithilfe des Templerordens die Stadt eroberte. Aber dazu später mehr.

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Das einst mächtige Kalifat zerfiel in viele kleine Reiche, die Taifas. Alte Konflikte flammten auf und der Machtkampf einzelner Herrscher untereinander sorgte für den endgültigen Niedergang der Mauren. Als der abgesetzte Kalif hierher floh, war Lleida noch eine maurische Taifa unter der Herrschaft Sulaymān ibn Muhammad ibn Hūd. Erst im zwölften Jahrhundert erobert Ramon Berenguer IV das maurische Lerida. An die Kalifen erinnert bis heute der Name der Burg, denn Suda war die arabische Bezeichnung der maurischen Festung.

Später, unter der christlichen Herrschaft der katalanischen Könige und Grafen von Barcelona, wohnten die Herrscher in diesem Gebäude, wenn sie in Lleida weilten. Aber es fanden auch zwei besondere Ereignisse auf der Burg statt.

Im Jahre 1150 feierte Ramon Berenguer IV hier vermutlich seine Hochzeit mit Peronella von Aragonien. Diese Hochzeit war der Grundstein für den Zusammenschluss der beiden Reiche Aragonien und Katalonien. Da der letzte König von Aragonien gestorben war ohne einen Nachfolger zu hinterlassen, zerrte man seinen Bruder Ramir, einen Mönch, aus dem Kloster. Im Schnellverfahren wurde er mit Dolça de Provença verheiratet und zeugte ein Kind. Ein Thronfolger wurde dringend gebraucht. Das Ergebnis dieser Blitzehe, nach deren Vollzug sich Ramir gleich wieder ins Kloster zurückzog, war Peronella d’Aragó, die die Berater am Königshof auch gleich mit dem Grafen von Barcelona verheiraten wollten. Zum Zeitpunkt der Hochzeit war die kleine Peronella gerade erst zwei Jahre alt. Die in Lleida geschlossene Ehe konnte also erst viele Jahre später vollzogen werden. Der erste Sohn aus dieser Verbindung, Alfons der Keusche, war der erste Graf von Barcelona, der die Königskrone trug.

Ein weiteres großes Fest fand fast hundert Jahre später 1214 statt, als Jaume der Eroberer hier seinen Königseid leistete.

Infos zu Lleida:

Turó de la Seu Vella
Lleida
Website: www.turoseuvella.cat

Eintritt:
Kathedrale, La Seu Vella, Eintritt Erwachsener : 5 Euro
Burg, Castell del Rei, Eintritt Erwachsener: 3 Euro
Beides zusammen Erwachsener: 7 Euro

Mein Besuch fand im Rahmen eines Blogtrips durch die Region Lleida statt.  

4 Comments

  • Wir sind gerade für 2 Tage in Lleida! Leider ist es schwer, in Lleida gute Informationen über die Stadt zu bekommen. So haben wir uns über Ihren Beitrag gefreut! Allerdings fehlen Ortsangaben: wo ist do Hauptstraße, wo liegt das alte Krankenhaus, der Platz … Das ist sehr schade, weil es somit wenig hilfreich ist!
    Vielleicht könnten Sie das noch nach holen?
    LG Diana

  • Wir sind gestern zufällig über Lleida gestolpert und haben uns sehr über den Samstagsmarkt gefreut. Das ist einer der größeren, den ich bisher in Europa gesehen habe, wahrscheinlich größer als Bologna. Im hinteren Bereich gibt es einen tollen Lebensmittelmarkt.

    Sonst konnten wir Lleida leider nicht viel abgewinnen, da sind andere Orte in der Region doch schöner.

    Grüssle aus Zaragoza

    • Lleida ist sicher keine Schönheit auf den ersten Blick, nach der man sich umdreht und Wow ruft. Aber sie hat schon ein paar schöne Ecken, man muss sie nur finden 🙂 Ich hatte das Glück mit einer Einheimischen durch den Ort zu bummeln, die mir die ganze Geschichte von den Mauren über das Mittelalter bis heute erzählt hat. Und was ich besonders angenehm fand, war das komplette Fehlen der Touristenströme, denen man in Barcelona auf Schritt und Tritt begegnet…

      Liebe Grüße nach Zaragoza!

      Nicole

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