Pêche à pied in Saint Aubin sur Mer

Zu Fuß angeln, pêche à pied, nennen die Franzosen das, wenn sie zwischen den schroffen Felsen am Ufer herumkraxeln, um Muscheln und andere Meerestiere zu sammeln, sobald sich das Meer bei Ebbe zurückzieht. Christelle, mit Eimer und Gummistiefeln bewaffnet, führt mich an den Strand von Saint Aubin sur Mer. Ungefähr auf der Höhe des Cap Romain machen wir Halt. Es ist Zeit für ein paar Erklärungen.

Saint Aubin war ein kleines Fischerdorf, bis es zur letzten Jahrhundertwende in Mode kam, im Meer zu baden. Immer mehr Pariser fanden den Weg hierher und die Fischer passten sich an. Man baute Hotels und vermietete Zimmer an die gesundheitssuchenden Großstädter. Die gut betuchte Bourgeoisie ließ sich gern auch gleich ein Haus direkt am Strand bauen, um ganz nach Lust und Laune die gute Seeluft genießen zu können.

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Während die Menschen im späten Mittelalter das Meer und seine Gefahren fürchteten, setzte Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein wahrer Boom ein. Alle wollten plötzlich ans Meer. Neuste medizinische Erkenntnisse hatten die gesunden Effekte des Badens im salzigen Meerwasser für den menschlichen Körper entdeckt. 1876 wurde eine Bahnstrecke von Caen nach Saint Aubin eingeweiht. Nun konnten die Gäste auch aus dem nur wenige Zugstunden entfernten Paris schneller ans Meer gelangen.

Nur leider konnte zu dieser Zeit kaum jemand schwimmen. Wozu auch. Das war bisher keine überlebenswichtige Fähigkeit gewesen. Was also tun? Wie konnten die Menschen im Meer baden gehen, ohne von den Fluten mitgerissen zu werden?

Strand Saint Aubin sur Mer Normandie frankreich Perlmuttkueste cote de nacre

In den Seebädern, die entlang der normannischen Küsten nun plötzlich aus dem Boden schossen, kam man auf die Idee, die Badegäste mit Badehelfern ins Wasser zu bringen. Junge Männer, oft Fischer, trugen die Besucher auf den Armen ein paar Schritte ins Wasser, tauchten sie kurz unter und brachten sie wieder an den Strand. In manchen Orten, wie hier in Saint Aubin sur Mer, kam man auf die glorreiche Idee Badepfosten zu installieren. An diesen in den Sand geschlagenen Holzpflöcken band man die Badegäste kurzerhand mit einer Leine fest, sodass sie nicht abtreiben und verloren gehen konnten.

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Angeblich soll es auch Badekarren gegeben haben, mit denen die Leute bis in die kühlen Fluten gefahren wurden. Dann wartete der Badehelfer eine große Welle ab, die den Badegast möglichst komplett durchnässte („prendre le bain à la lame„) – fertig war das Bad im Meer.

Klingt heute schon sehr lustig, diese Badekultur von damals. Die Entstehung der Seebäder hat das Leben an der Perlmuttküste allerdings für immer verändert. Nicht nur die Fischerdörfer passten sich an die ständig wachsenden Besucherströme an, es entstanden teilweise sogar ganz neue Ortschaften, fast aus dem Nichts heraus, wie Deauville.

Heute kann so ziemlich jeder Badegast hier schwimmen. Nur das Wissen um die Lebewesen des Meeres, die Pflanzen und Tiere, ist noch nicht so verbreitet, erzählt Christelle. Aber dafür ist sie ja da. Sie begleitet die Besucher in das Watt der Perlmuttküste. Genau genommen sind es drei verschiedene Uferabschnitte, die hier durch die Gezeiten entstehen. Da ist das Sandwatt, das felsige Watt und das offene, tiefere Meer. Nur wenige Tiere und Pflanzen können sich an so einen merkwürdigen Rhythmus anpassen. Es ist nämlich gar nicht so leicht, in einer Umgebung überleben, die entweder komplett unter Wasser steht, oder stundenlang Luft und Sonnenlicht ausgesetzt ist. Doch die Natur hat sich ein paar gute Tricks ausgedacht.

Die meisten Tiere versinken einfach im Sand, wenn das Wasser sich zurückzieht. Schwertmuscheln und Wattwürmer hinterlassen nur noch ein Luftloch an der Oberfläche und tauchen erst wieder auf, wenn die schützenden Fluten zurückkehren. „Um Schwertmuscheln zu sammeln, musst du sehr schnell sein“, erklärt Christelle. „Viel Salz auf die Stelle im Sand geben, damit sie nach oben kommen, und dann blitzschnell zugreifen.“ Wenn du die Muschel nicht sofort zu fassen kriegst, vergräbt sie sich in bis zu fünfzig Zentimeter Tiefe. „Dann kriegst du sie einfach nicht mehr“. Klar, die Muschel will ja nicht gegessen werden.

wellhornschnecke eierhuelle saint aubin sur mer normandie cote de nacre perlmuttkuesteleere Eierhülse der Wellhornschnecke – pont de buccin

wellhornschnecke buccin saint aubin sur mer normandie frankreichWellhornschnecke – buccin

Ich finde einen Ball, der aus vielen kleinen Kugeln besteht. Sie fühlen sich trocken und zart an, wie Seidenpapier. Es sind leere Eierhüllen der Wellhornschnecke. Die hat, im Gegensatz zu vielen anderen Schnecken, tatsächlich zwei Geschlechter, erklärt Christelle und findet prompt auch eine passende Erwachsenenmuschel. Die buccins, wie die Franzosen die Wellhornschnecke nennen, ist ein echter Fleisch- und Aasfresser. Unglaublich, dass sie Herzmuscheln, Miesmuscheln und sogar Seesterne fressen soll (bei den Seesternen allerdings nicht alle Sorten. Einige davon sind nämlich ihre Feinde und fressen gern Schnecken).

Das Weibchen legt Tausende Eier, von denen sich allerdings nur sehr wenige zu Schnecken entwickeln werden, am liebsten zwischen den Felsen ab. Wenn die Schnecken dann geschlüpft sind, bleiben diese Hüllen am Strand zurück. Sehr spannend finde ich auch die Bohrmuschel, die sich mit ihren harten Seitenmuskeln einfach kleinen Höhlen in das weiche Gestein hineinbohrt, und die lustigen Eierhüllen der Rochen.

eikapseln rochen watt normandie cote de nacre perlmutterkueste Eierhülse einer Rochenart 

saint aubin sur mer normandie Bohrmuschel – pholade

Während wir im Sand nach interessanten Dingen Ausschau halten, lerne ich, wie diese ungewöhnliche Meereslandschaft entstanden ist. Im Jura, also vor rund 150 bis 200 Millionen Jahren, war das hier alles eine tropische Gegend. Es war warm und feucht als die Dinosaurier und Reptilien in der Normandie lebten. Seesterne, Muscheln und Fische gab es damals wie heute. Vorzeitliche Meereskrokodile sind allerdings ausgestorben. Die habe ich nicht mehr zu fürchten.

In der Eiszeit lag die ganze Gegend dann jahrtausendelang unter den gefrorenen Wassermassen begraben. Als es wieder wärmer wurde und die Eisschmelze einsetzte, veränderten die Wassermassen die Landschaft. Aus dieser Zeit müssen die Reste eines Wollnashorns stammen, das man hier in der Gegend fand. Ganze Felsen wurden mitgerissen und rissen riesige Löcher in die Landschaft. Viele Höhlen und mächtige Klippen entstanden.

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Je näher wir dem felsigen Watt kommen, umso mehr Algen liegen auf dem Weg. Es gibt braune, grüne und rote Algen. Eigentlich soll man ja alle Algen essen können. Bisher habe ich zweimal welche probiert. Als Laverbread sind sie köstlich, aber direkt aus dem Meer schmecken sie nicht so besonders lecker. Vermutlich nutzt man sie deswegen eher zur Herstellung von Kosmetika.

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felswatt normandie gezeitenfischerei peche a pie saint aubin sur mer Christelle findet eine eingewanderte asiatische Strandkrabbe

Zwischen den Algen und den Felsen verstecken sich jedenfalls kleine Krebse und Krabben. Ich finde eine kleine Strandkrabbe. „Vorsicht, dass er dich nicht beißt“, warnt Christelle. Ganz vorsichtig lege ich den kleinen Kerl zurück und decke die Algenblätter genauso hin, wie sie vorher lagen. Das ist wichtig, um das kleine Ökosystem möglichst nicht zu stören.

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Als sich nach der Eiszeit die Wassermassen zurückgezogen hatten, entstanden an dieser Stelle dichte, grüne Wälder. Archäologen fanden nicht nur Knochen von Wildschweinen, Hirschen und anderen typischen Waldbewohnern. Sie stießen sogar auf Spuren ritueller Zeremonien, wie Druiden sie im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus abhielten. Auch die Römer hatten hier an der Küste bereits Wachtürme errichtet, um keltische Schiffe vor der Küste rechtzeitig abwehren zu können. Die Reste der römischen Mauern und die déesse mère sind der beeindruckende Beweis dafür, dass es hier eine römische Siedlung mit einem Tempel gegeben haben muss.

meersgoettin deesse mere saint aubin sur mer gallo romanisch normadieKopie der „Déesse Mère“ in der Office de Tourisme 

„Aber wo ist dieser große Wald heute hin? Wurde der abgeholzt?“ will ich wissen. Christelle meint, dass es vermutlich ein mittelalterliches Seebeben oder eine Springflut war, eine Art Tsunami, der hier alles wegfegte und die Landschaft komplett veränderte. Es gibt noch so viel zu sehen und zu lernen. Doch ein Blick auf die Uhr sagt Christelle, dass wir wieder zurück müssen. Wie schade! Noch haben wir gar keine Taschenkrebse, Miesmuscheln und Austern gefunden! Hier bin ich noch lange nicht fertig!

saint aubin plage peche a pie

Infos Saint Aubin sur Mer

Christelle und ihre Kollegen geben in dem Büro an der Uferpromenade Auskunft darüber, was und wie viel man bei der pêche à pied von den verschieden Meeresbewohnern mitnehmen darf und zu welcher Jahreszeit man das tun darf. Diese genauen Anweisungen sind wichtig, um die Natur so gut wie möglich zu erhalten und Tiere und Pflanzen nicht zu stören. Also bitte nicht einfach so losmarschieren, sondern lieber vorher informieren.

Bureau d’information touristique de Saint Aubin sur mer
Digue Favreau, Rue Pasteur
14750 Saint Aubin sur Mer
Normandie/ Frankreich

Réserve Falaise du Cap Romain:  www.reserves-naturelles.org/falaise-du-cap-romain
Terre de Nacre: www.terresdenacre.com/reserve-naturelle-du-cap-romain.html
Gute Seite für die Bestimmung von spannenden Dingen, die man am Strand finden kann:  www.beachexplorer.org

Unvermeidbar stößt man auch hier auf stumme Zeugen der Landung der Alliierten im Juni 1945. Die ganze Küste wird bis heute beherrscht vom „längsten Tag“ der jüngsten Geschichte. Mehr dazu aber in einem anderen Artikel.

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Blogtrips. Vielen an Dank an Normandie Tourisme und Atout France

 

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