Zuckerrohr – oder ein Blick in die Geschichte Martiniques

Es waren die Sklaven, die über viele Jahrhunderte hinweg das Zuckerrohr auf Martinique ernteten. Auf den großen Plantagen, mit der Peitsche beaufsichtigt, schufteten Männer, Frauen, Alte und Kinder, bis die Sonne unterging. Sie hatten keinerlei Rechte und gehörten schlicht und einfach zum Besitz der Gutsherren, wie Häuser, Ländereien, Werkzeuge oder Nutztiere. Das Leben der schwarzen Sklaven war weniger Wert, als das Produkt ihrer Arbeit, der Saft aus Zuckerrohr, der zu wertvollen Handelsgütern wie Zucker oder Rum weiterverarbeitet wurde.

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Die Moulin de Val d‘Or ist eine ehemalige Zuckerrohrmühle, die vor einigen Jahren in ein Museum umgewandelt wurde. Sunny und Yves erklären dort, wie Zuckerrohr früher angebaut und verarbeitet wurde. Anschaulich beschreiben sie den Tagesablauf der Sklaven. Schon bei Sonnenaufgang, gegen vier oder fünf Uhr morgens, begann die tägliche Arbeit. Das Schneiden des Zuckerrohrs wurde von kräftigen, jungen Männern erledigt. Kinder sammelten das geschnittene Zuckerrohr und trugen es an einer bestimmten Stelle zusammen. Die Aufgabe der Frauen war es schließlich, diese Stangen zu bündeln.

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„Jeweils zehn Stangen Zuckerrohr waren ein fagot. Warum ausgerechnet zehn? Weil die meisten Sklaven weder lesen, schreiben noch rechnen konnten. Also nahm man einfach so viele Stangen, wie man Finger an den Händen hat“, sagt Sunny während Yves vormacht, wie diese Bündel gepackt und mit Blättern verschnürt wurden. Für den Transport der Bündel waren die Alten zuständig, die nicht mehr kräftig genug waren, um auf dem Feld zu arbeiten. Sie mussten die mit Zuckerrohr beladenen Esel vom Feld in der Mühle führen.

Dort waren andere Sklaven dann damit beschäftigt, das Zuckerrohr in einer großen Presse zu Saft zu verarbeiten. Kam es zu einem Unfall, und eine Hand geriet in die mächtigen Eisenwalzen der Presse, so hackten die Aufseher schnell den ganzen Arm ab. Kein Tropfen des wertvollen Zuckerrohrsafts durfte verloren gehen, denn die Produktion war wichtiger, als ein verletzter Sklave.

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Die Habitation, wie solche Zuckerrohr verarbeitenden Anlagen genannt wurden, bestand aus mehreren Gebäuden. Von der Mühle wurde der Saft direkt in eine Zuckerfabrik geleitet, von der heute allerdings nur noch ein paar Mauerreste zu erkennen sind. Auch von den anderen Gebäuden der Anlage sind nur Ruinen übrig, die aus dem üppig wuchernden Grün hervorlugen. Allein die Mühle wurde restauriert, um auf eine anschauliche Art und Weise an diesen traurigen Teil der Geschichte Martiniques zu erinnern.

Sunny und Yves erklären engagiert und voller Inbrunst die Geschichte der Moulin de Val d’Or. Da der Maultiertreiber heute leider krank ist, zögert Yves nicht lange, und dreht selbst die Mühle, während die Esel draußen auf der Wiese grasen. Nur langsam setzen sich die schweren Walzen in Bewegung. So dreht Yves heute anstelle der Maultiere seine Runden und Sunny schiebt das Zuckerrohr in die Presse, bis auf der anderen Seite ein kleines Rinnsal des süßen Saftes fließt.

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Zum Probieren schenkt mir Yves etwas Saft aus einer Flasche ein. Es schmeckt natürlich richtig süß. Zu süß, für meinem Geschmack. „Den Zuckerrohrsaft verkauft man heute eigentlich nur an Touristen. Für die Martinikaner selbst ist das süße Zeug einfach nur ein Verarbeitungsschritt der Rumherstellung“, meint Yves lachend.

Sunny berichtet uns von den Geschichten, die seine Großmutter ihm erzählt hat. Die wiederum hatte diese Schilderungen von ihrer Großmutter gehört. Ein gewisser Stolz schwingt mit, wenn er von den alten Geschehnissen erzählt. „Aber die Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben“, entschlüpft es ihm dann doch. Da die meisten Sklaven weder lesen noch schreiben konnten, sind von denen, die die Sklaverei erlebt und erlitten haben, nur mündliche Berichte überliefert. Die wenigen schriftlichen Aufzeichnungen, die die Zustände aus Sicht der Sklaven hätten schildern können, sind im Laufe der Zeit verloren gegangen oder wurden vernichtet.

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„Nos ancêtres les gaulois“

Auch nachdem die Sklaverei auf der Insel längst abgeschafft worden war, wollte eine wirkliche Gleichheit zwischen den französischen Einwohnern Martiniques und denen auf dem europäischen Festland sich nicht so richtig einstellen. Juristisch waren und sind die Einwohner der Überseedepartments Franzosen. So lernten die Kinder auf Martinique mit denselben Schulbüchern, wie ihre Altersgenossen in Paris, Montpellier oder Bordeaux. Im Geschichtsunterricht kam Martinique daher nur am Rande vor. Der heute ungefähr fünfzigjährige Yves gesteht „Als Kind habe ich jahrelang geglaubt, meine Vorfahren seien Gallier gewesen“.

Wie Sunny und Yves besinnen sich viele schwarze Martinikaner heute auf die Geschichte ihrer Vorfahren. Die Suche nach einer ganz eigenen, martinikanischen Identität, die Europa und die Karibik vereint, scheint noch nicht abgeschlossen zu sein.

Die kreolische Sprache spielt bei dieser Suche nach den eigenen Wurzeln eine wichtige Rolle. Diese Mischung aus französischen, karibischen und afrikanischen Elementen, spiegelt die Geschichte der Menschen auf Martinique besser wieder, als die Geschichtsbücher. Neuerdings gibt es an der Universität in Fort-de-France Kreolisch als Studiengang. Dort werden Kultur und Sprache nicht nur unterrichtet, sondern auch erforscht.

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Die Martinikaner, die ich während meiner Reise treffe, sind stolz auf ihre Insel. Sie lernen, dieses reiche kulturelle Erbe zu schätzen, das sich über die Jahrhunderte hinweg aus den verschiedensten Menschen und Kulturen, die hier aufeinandertrafen, entwickelt hat.

In Fort-de-France erinnert ein kleines Museum an die Ureinwohner der Karibikinsel. Lange bevor Columbus die Insel entdeckte, lebten Taíno und Arawak-Indianer auf den Antillen. Als die Europäer begannen, sich auf Martinique niederzulassen, war der Großteil dieser Ureinwohner bereits von den Kariben verdrängt worden. Nur wenige Jahrzehnte später waren die indigenen Stämme vollständig ausgerottet und auch die Kariben waren restlos von Martinique verschwunden.

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Mit den Sklaven kamen Bräuche und Traditionen aus Afrika in die Karibik. Nach der Abschaffung der Sklaverei holten die Landbesitzer billige Arbeitskräfte aus Indien und China auf die Insel. Jede dieser vielen Kulturen hat auf die eine oder andere Art ihre Spuren auf Martinque hinterlassen. Die verschiedensten kulturellen Einflüsse wurden aufgesogen und zu etwas ganz Neuem, etwas einzigartig Martinikanischen gemacht. Afrikanische Bräuche, indische Currygerichte oder ein karierterer Stoff namens Madras sind heute typisch für Martinique und zeugen gleichzeitig von der kulturellen Vielfalt.

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Infos zur Mühle und zum Zuckerrohr :

Le Moulin de Val d’Or
Habitation Val d’Or
97227 Sainte-Anne

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Die Mühle wurde ursprünglich 1770 errichtet und war Teil einer Habitation, auf der Zuckerrohr angebaut und verarbeitet wurde. Das Gebäude wurde vollständig restauriert und ist heute die einzige funktionierende Mühle auf der Insel. Die Mühle ist für Besucher an den Wochenenden Freitag bis Sonntag, zwischen 9-12 Uhr und 14-17 Uhr geöffnet. Während der Öffnungszeiten finden stündliche Führungen mit historischen Kostümen statt. Der Eintritt kostet 3 Euro für Erwachsene, 1 Euro für Kinder zwischen 5 und 12 Jahren.

Im siebzehnten Jahrhundert boomte der Anbau von Zuckerrohr auf Martinique. Der florierende Handel mit dem Zucker aus der Karibik litt jedoch stark unter der erhöhten Produktion der europäischen Zuckerrübe. Ein schwerer Wirbelsturm und die verheerende Eruption des Vulkans Mont Pelé sorgten schließlich für den Ausbruch einer regelrechten Zuckerkrise. Viele Zuckerfabriken schlossen für immer ihre Tore und auch die Anzahl der Rumdestillerien ging immer weiter zurück. Heute gibt es noch elf Destillerien und eine einzige Sucrerie auf Martinique.

Dieser Artikel entstand dank einer Pressereise, zu der ich von Atout France, CMT Martinque und Condor Airlines eingeladen wurde. Vielen Dank!   

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