Der verlassene Bahnhof Canfranc Estación

Von Jaca aus geht es am Nachmittag in Richtung französische Grenze, zum Bahnhof Canfranc. Rechts und links der Wege erstreckt sich überall in Huesca eine unglaublich schöne Landschaft. An jeder Kurve könnte ich stehenbleiben, um einfach nur zu gucken. Aber das geht natürlich nicht. Dazu sind die Straßen dann doch zu eng. Je näher wir den Bergen kommen, umso mehr verändern sich jetzt auch die Dörfer. Die Häuser sehen anders aus hier oben, irgendwie bergfester. Und es ist kalt.

Als wir am Bahnhof in Canfranc ankommen, regnet es. Carmen wollte mir unbedingt diese verlassene Station zeigen, die sogar schon als Filmkulisse gedient hat. Der Bahnhof ist jedoch geschlossen. Wir wussten ja, dass hier keine Züge mehr fahren, bis auf eine kleine Regionalbahn, aber eigentlich sollten wir den Bahnhof wenigstens betreten können. Theoretisch gibt es nämlich eine Unterführung auf die andere Seite, wo das pompöse Bahnhofsgebäude steht. Aber praktisch ist das Häuschen, in dem eine Treppe zu dem Weg unter den Gleisen führt, zu. Gibt es keine Bahnhofsführungen im November? Oder liegt es wieder an der Uhrzeit? Wir hätten wohl vorher anrufen müssen.

Canfranc Estacion verlassener Bahnhof HUESCA

Das Gebäude ist unglaublich lang und elegant. Es scheint gar nicht hierher zu gehören, in diese verlassene Wildnis der Berge. Trotzdem sieht der Bahnhof so aus, als könnten jeden Moment elegante Damen in langen Kleidern aus einem Zug steigen. Oder am Bahnsteig könnten wartende Männer mit ledernen Koffern auftauchen, die verärgert an ihrem Zwickel zupfen und ihre Taschenuhr zücken. Aber es kommt kein Zug. Außer uns ist niemand hier. Ich höre nicht mal einen Vogel zwitschern. Alles wirkt einfach verlassen. Als ob einer den Ton abgedreht hat.

HUESCA Canfranc Estacion verlassener Bahnhof

Dabei ist der Bahnhof noch gar nicht so alt. Erst 1928 wurde er in Betrieb genommen und sollte die Verkehrsverbindung zwischen Frankreich und Spanien verbessern. Nach einer kurzen Glanzzeit in den dreißiger Jahren wurde die Estación in den vierziger Jahren schon wieder geschlossen. Während des Zweiten Weltkrieges war die Stimmung zwischen dem Franco Regime und den Französischen Regierung nicht die beste. Außerdem munkelte man, dass die Deutschen ihr Raubgold über diese Strecke transportierten, um Spanier und Portugiesen für kostbares Wolfram zu bezahlen. Das ging natürlich alles gar nicht. Die schöne Strecke, die ursprünglich mal als eine direkte Achse Paris- Madrid geplant war, verlief nur noch in den Bergen und der neue Bahnhof, nach Leipzig damals der zweitgrößte Europas, schläft nun einen Dornröschenschlaf.

Wir machen uns wieder auf den Weg, denn wir wollen die Nacht bei Bekannten in Aínsa verbringen, um von dort aus zum Cañón de Añisclo zu fahren. Dieser spanische Canyon soll einmalig schön sein. Das haben mir schon mehrere Freunde versichert. Ich freue mich also auf den nächsten Tag und hoffe, dass das Wetter einigermaßen mitspielt.

Brücke nach Jánovas - verlassene Dörfer

Ganz in der Nähe von Aínsa kommen wir an einer Geisterstadt vorbei. Eigentlich an mehreren. Überall gibt es halb verfallene Häuser, verlassene Höfe. Es sieht ein bisschen gespenstig aus. Am nächsten Tag erfahre ich die Geschichte des Dorfes Jánovas. In den 50er Jahren hatte man die Bewohner zwangsumgesiedelt, weil ein Stausee gebaut werden sollte. Viele Bewohner hatten sich lange Zeit tapfer geweigert, ihre Wohnungen aufzugeben. Doch es half nichts. Alle mussten gehen. Die letzten Einwohner, die der Umsiedlung getrotzt hatten, wurden von der umgebung abgeschnitten, in dem die verantwortlichen Planer des Staudamms einfach die Brücke zum Dorf sprengten. Sogar mit der Sprengung der Häuser wurde begonnen – ungeachtet der Tatsache, dass noch Männer, Frauen, Kinder hier lebten! Die Schule durfte allerdings nicht gesprengt werden, solange noch Kinder da seien. Da gab es wohl eine richterliche Anordnung. Immerhin. Die Arbeiter schlugen kurzerhand die Schultür ein und zerrten die tapfer ausharrende Dorflehrerin vor den Augen der Kinder an den Haaren aus dem Gebäude. Damit endeten dann auch die Schulbesuche der Kinder. Dramatische Geschichten haben sich in diesen Mauern abgespielt. Nun stehen die Häuser leer und zerfallen. Der Staudamm wurde nie gebaut.

Brücke nach Jánovas - verlassene Dörfer

Aber Jánovas ist nicht das einzige Geisterdorf hier oben. Wir sehen noch mehrere, gespenstisch-verlassene Orte am Wegesrand. Während ich noch überlege, ob ich versuche mir eines der Häuser aus der Nähe anzusehen, steht plötzlich eine Herde Schafe vor mir auf dem Weg. Ich halte an und steige aus. Darf ich die Schafe fotografieren – mache ich dem Schäfer ein Zeichen. Er nickt. Ja ja, solange ich ihn nicht fotografiere, sei das in Ordnung. Plötzlich rennen sie wie wild los. Ah Stopp! So kann ich doch kein Bild machen, Mädels! Das geht mir viel zu schnell. Nur ein dickes Schaf trödelt ganz langsam hinterher. Die ist bestimmt schwanger. Ich frage den Schäfer. Ja, die kriegt wieder Junge. Letztes Mal waren es drei. Sieht aus, als ob es dieses Mal auch wieder mehrere werden würden, erzählt er mir. Ich habe natürlich keine Ahnung wie viel Junge so ein Schaf normalerweise kriegt. Die Unterhaltung ist damit wohl beendet. Ich bedanke mich für die Fotos, wir fahren weiter.

Schafe

Als wir am nächsten Morgen mit Julian und Ramona beim Frühstück sitzen, schwant uns nichts Gutes. Julian guckt immer wieder kopfschüttelnd aus dem Fenster. Seit er patschnass vom morgendlichen Spaziergang mit dem Hund zurückgekommen ist, machen wir uns mit dem Gedanken vertraut, dass wir wieder einen Plan B brauchen. Aber noch hoffen wir, und trinken erst einmal in Ruhe Café.

Julian und Ramona schleppen Landkarten an und geben uns gute Ratschläge. Fanlo und Añisclo sollten wir uns besser aus dem Kopf schlagen. Wenn es hier unten schon so neblig ist, sei es weiter nördlich noch wesentlich schlimmer. Wir würden gar nichts sehen. Und bei nassem, rutschigen Wetter ist weder die Fahrt durch die enge Schlucht, die um diese Jahreszeit in beide Richtungen befahren werden kann, ein großer Spaß, noch lohnt sich die Wanderung durch den Canyon. Ihr würdet nur Felsen und die Nebelschwaden sehen, – klären uns die beiden auf. sie müssen es ja wissen. Schließlich wohnen sie hier und sind begeisterte Bergwanderer. So ein Pech. Bisher ging alles so prima, und ausgerechnet jetzt, am Höhepunkt unserer kurzen Tour angekommen, spielt das Wetter nicht mit. Riskieren wir es trotzdem? Carmen und ich zögern. Zu gern würden wir einfach doch fahren und auf unser Glück hoffen. Aber wir sind vernünftig. Schließlich müssen wir heute auch noch den Rückweg nach Barcelona antreten. Und den Cañón selbst in einer stark verkürzten Version zu besuchen,  würde mindestens eine Stunde dauern. Allein die Fahrt von Aínsa bis Fanlo und zurück dauert schon drei Stunden. Und das dann noch bei schlechter Sicht – es lohnt sich wohl einfach nicht.

Etwas traurig verabschieden wir uns von unseren lieben Gastgebern und besuchen statt des Caños die Altstadt von Aínsa. Auch, um etwas Zeit zu schinden. Vielleicht klart es ja doch noch auf.

Altstadt Ainsa historisches Zentrum

altstadt Ainsa

In der Altstadt von Ainsa

Wir laufen durch das noch verschlafene Altstadtviertel der Stadt. Der historische Kern liegt oben auf einem Hügel, das neue Teil des Ortes liegt unten, am Fuß des Berges. Von oben haben wir eine prima Sicht auf die umliegende Gegend. Das war für die Burgenbauer sicher ein taktisch wichtiger Punkt.

Statt Richtung Norden fahren wir nun also in den Süden. Schon nach ein paar Kilometern wird das Wetter schlagartig besser. Die Sonne scheint durch die Wolken. Umdrehen? Ich werfe einen Blick in den Rückspiegel – alles schwarz. Dunkle Wolken. Wohl doch nicht.

Dorf in Huesca Abizanda

In Abizanda finden wir einen arabischen Brunnen. Keine Ahnung was daran arabisch sein soll. Wie auch viele andere Dörfer, durch die wir unterwegs kommen, liegt Abizanda auf dem berühmten Jakobsweg. Überall stossen wir auf die gelben Muscheln, die den Pilgerweg kennzeichnen. Wir fahren weiter, immer an einem Stausee entlang, auf der Suche nach einem schönen Dorf. Aber nach dem, was wir gestern und vorgestern schon entdeckt haben, will uns nichts mehr so richtig gefallen Auf der anderen Uferseite liegt Torreciudad, ein Kloster, das auf meiner Landkarte als Sehenswürdigkeit eingestuft wird. Carmen und ich finden beide, dass es von unserer Seite des Ufers aussieht, wie eine hässliche Fabrik auf einem schönen Stück Felsen. Wir halten nicht an.

Julian und Ramona haben uns beim Frühstück noch einen anderen Tipp geben: Fonz. Da kaufen sie immer ihren Joghurt. Also steuern wir statt des spanischen Canyons nun eine Käserei in Fonz an. Den Joghurt hatten wir schon am Morgen probiert. Mega gut! Ich kaufe gleich einen ganzen Liter und noch zwei Sorten Käse. Der Tag ist gerettet und ich bin versöhnlicher gestimmt.

Kirche Fonz

Vor der kleinen Kirche in Fonz treffen wir auf ein paar Menschen in mittelalterlichen Kostümen. Ansonsten ist die Straße leer. Sie schreien und schimpfen laut. Plötzlich zieht einer eine Waffe. Sie gehen mit Degen – oder was das sein mag- aufeinander los. Plötzlich ergreift der erste Schreihals die Flucht und verschwindet hinter einer Kurve. Was war das denn, fragen wir den Wirt, der gerade zahnstocherkauend aus einer Bar tritt. Ach, die spielen die Geschichte des Dorfes nach – meint er gelassen und geht weiter. Das nenne ich mal Engagement, so ganz ohne Publikum – bis auf Carmen und mich – ein kleines Theaterstück in voller Montur aufzuführen. Und es war nicht mal schlecht. Nur leider haben wir den Anfang verpasst.

Was wir noch verpasst haben: Cañón de Añisclo

Theater in Fonz

Fonz

Landschaft Berge Huesca

Huesca Naturpark

Hinweis: Vielen Dank an Avis, die uns einen Seat Altea für diesen Roadtrip durch Huesca und den Parque Natural zur Verfügung gestellt haben.

Roadtrip durch Huesca Map

2 Comments

    • 🙂 Danke! Der Bahnhof war echt speziell, aber auch total schön, fand ich. Er liegt direkt an der Grenze, aber noch auf der spanischen Seite 🙂

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