Die unterirdischen Ölmühlen von Presicce

Tagelang schufteten die Männer unter der Erde. Manchmal kamen sie Monate lang nicht mehr ans Tageslicht. Doch die Arbeiter, die in den unterirdischen Ölmühlen schwitzten und schufteten, beschwerten sich nicht. Sie waren froh, im Winter einen geschützten Schlafplatz und ein sicheres Einkommen zu haben. Sogar eine warme Mahlzeit wurde ihnen vom Besitzer der Ölmühle gebracht.

presicce

Im achtzehnten Jahrhundert waren das richtig gute Konditionen. Dafür nahm man gern in Kauf, wochenlang Untertage zu arbeiten. Im Dämmerlicht auf engstem Raum mit den anderen Männern und den Eseln zu schlafen und zu arbeiten, war fast ein Privileg. Die Arbeiter auf den Feldern sahen zwar das Tageslicht, aber sie konnten nie sicher sein, morgen auch noch Arbeit und Brot für die Familie zu haben. Und so schaufelten und pressten die Männer in Presicce hier unter der Erde in verschiedenen Schichten. Während eine Gruppe arbeitete, ruhte sich die andere in den kleinen Nischen der Ölmühle aus. Man versuchte zu schlafen. Das ging so lange, bis alle Oliven verarbeitet waren. Erst wenn die Frühlingssonne wieder am Himmel stand, war die winterliche Olivenverarbeitung beendet und die Männer konnten ihre Äcker bestellen oder Fischen gehen.

unterirdische oelmuehlen presicce italien

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Was heute wie kleine Fenster aussieht, durch die ein wenig Licht in die unterirdischen Ölmühlen fällt, waren früher die Löcher, durch die die Oliven angeliefert wurden. Diese Löcher waren also voll bis obenhin mit den kleinen Früchten. Mit Sicherheit drang dort kein Lichtstrahl durch.

Von November bis März musste das schwere Mühlrad wieder und wieder gedreht werden. Die Oliven mussten so zu einer Paste verarbeitet werden, die man dann in geflochtene Jute oder Bastscheiben füllte, um anschließend die Flüssigkeit aus der Paste zu pressen. Das fettige Öl und der Wasseranteil dieser Flüssigkeit trennten sich von allein. Fett ist leichter als Wasser und schwimmt daher oben. So konnte man es einfach abschöpfen.

Die nächtliche Beleuchtung Europas basierte noch im achtzehnten Jahrhundert auf dem Lampenöl aus dem Salento. In den zahlreichen Ölmühlen der Gegend, allein in Presicce waren es um die 30, fand die bedeutendste Produktion des Lampenöls weltweit statt. Der Handel blühte, die Hafenstadt Gallipolli florierte. Dieser Wohlstand war durch die Arbeit in den unterirdischen Ölmühlen überhaupt erst entstanden.

palazzo presicce

liberty stile palazzo
In anderen Orten waren die Feudalherren die alleinigen Besitzer der Ölmühlen und herrschten ziemlich rücksichtlos über ihre Ländereien. In Presicce jedoch waren die Feudalherren ziemlich schwach. Dadurch konnte sich hier eine liberalere Form der Wirtschaft entwickeln. Viele Bewohner konnten eine eigene Mühle einrichten und damit Geld verdienen. Das führte zum Wohlstand der kleinen Stadt. Aus ganz Italien, sogar aus der Toskana, zogen reiche Familien hierher, um einen Palazzo zu bauen und mit Olivenöl Handel zu treiben.

Unterirdisch gebaut wurden die Ölmühlen vor allem aus zwei Gründen. Erstens war es im Winter unter der Erde wärmer als über der Erde. Auch durch die Hitze der Tiere und Menschen konnten hier Temperaturen an die 20 Grad erreicht werden. Das soll angeblich den Prozess der Verarbeitung erleichtert haben, denn durch die Wärme trennen sich Öl und Wasser leichter voneinander. Der andere Grund war, dass es wesentlich billiger war, einfach eine Höhle in den weichen Untergrund zu schlagen, als über der Erde ein neues Gebäude zu errichten.

Diese beiden Motive waren ausschlaggebend dafür, dass es im neunzehnten Jahrhundert an die 30 Ölmühlen in dem kleinen Ort gab. Wobei Presicce damals mit rund 2.000 Feuerstellen gar nicht so klein war. Wenn man zu einem fuoco ungefähr 5-6 Bewohner zählt, macht das schnell über 10.000 Einwohner.

Die allererste Pressung der Olivensaison war stets dem Besitzer der Ölmühle vorbehalten. Erst danach durften die anderen Bauern ihr Öl hier pressen lassen. Denn damals wie heute, ist das essbare Olivenöl umso besser, je frischer die geernteten Oliven verarbeitet werden. Je länger die Oliven liegen bleiben, umso mehr fermentieren sie, und umso ungenießbarer wird das daraus gepresste Öl. Trotz der erstaunlichen Mengen Olivenbäume, gab es daher nur wenig essbares Olivenöl. Die Produktion des Lampenöls als Exportschlager stand einfach im Vordergrund und dominierte die gesamte Region.

torknopf

Seinen Reichtum hatte Presicce also dem Öl zu verdanken. Hier konnte man sich schönere Häuser bauen und eine prächtigere Kirche leisten, als die meisten anderen Dörfer der Umgebung. Neben den zahlreichen prächtigen Palazzi leisteten sich die Einwohner auch einen prachtvollen Altar für ihre Kirche. Der stammte nämlich aus der angesehensten und teuersten Bildhauerwerkstatt jener Zeit, die nur mit den besten Künstlern arbeitete. Da die wohlhabenden Leute ihre prächtige Kirche selbst gezahlt hatten, sollte man natürlich auch sehen, wer hier so spendabel war. Und so zieren innen wie außen die Wappen der Stadt und der Händler die  Chiesa di Sant’Andrea Apostolo.

presicce italien kirche

Aber auch in Presicce gibt es ein Viertel der einfacheren Leute. In dem noch heute eng verwinkelten Teil des Dörfchens führen schmale Durchgänge von einem kleinen Hof zum nächsten. Hier lebten die weniger wohlhabenden Bürger, deren Häuser meist nur aus einem einzigen Zimmer bestand. Tiere und Menschen hausten hier auf engstem Raum beieinander. Jeder dieser Innenhöfe, den sich jeweils ein paar Häuser teilen, verfügt über eine Wasserquelle. Schmale Treppen führen auf die Dächer hinauf. Dort trocknete man Tomaten und Hülsenfrüchte, um sie für den Winter haltbar zu machen.

presicce italien

 

Presicce treppe

 presicce

Die meisten dieser schmalen Verbindungsgänge sind so eng und niedrig, dass man nur einzeln und gebückt hindurch gehen kann. Angeblich soll diese Bauart auch ein Schutz bei möglichen Überfällen der osmanischen Piraten gewesen sein. Denn wenn sich die Angreifer einzeln und mit gesenktem Kopf ihren Weg bahnen müssen, sind sie leichter zu bekämpfen.

presicce italien

palazzo ducale

Oben auf dem Palazzo Ducale, dem einstigen Sitz des Feudalherren der Stadt, erstreckt sich ein überirdischer Garten. Sogar heute noch, an einem Wintertag, ist diese kleine Grünanlage verführerisch romantisch. Wie muss es hier erst im Sommer geblüht haben, als die eleganten Herren und Damen hier lebten und Gärtner tagtäglich die bunten Beete pflegten?

Von der normannischen Burg, auf deren Grundfesten der Palast einst gebaut wurde, ist heute leider nichts mehr übrig geblieben. Lediglich oben auf der Gartenterrasse erkennt man noch die Kante der Mauern der einstigen normannischen Festung. Der Blick nach unten zeigt die kleine Piazza vor der Kirche, den zentralen Platz Presicces, an dem sich gerade die Dorfbewohner zum sonntäglichen Kirchgang einfinden.

Presicce
Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Menschen hier geradezu in die Kirche strömen. Zuerst vermute ich ein Fest oder eine Veranstaltung, aber es ist tatsächlich ein ganz normaler Sonntag. Groß und klein, alt und jung nehmen hier noch wie vor hundert Jahren am sonntäglichen Gottesdienst teil: Modern gekleidete Damen und Herren, ältere Frauen ganz in Schwarz, Kinder und Jugendliche. Den Abschluss bildet eine Gruppe älterer Herren, die sich schon vor einer Weile direkt vor der Kirche im Sonnenschein versammelt hatten. Sie stehen am Rande der Piazza und beobachten das Geschehen, als warten sie hier lediglich auf den Bus. Doch schließlich machen sich auch die weißhaarigen Männer auf den mühsamen Weg, die wenigen Stufen der Kirchentreppe zu erklimmen. Ganz gemächlich, ohne Hast bahnen sie sich würdevoll ihren Weg in die Messe.

kirche Chiesa di Sant’Andrea Apostolo

Infos zu Presicce und der Ölmühle

Ganz früher, so bis ins neunte Jahrhundert, war die Gegend um Presicce herum noch eine Art feuchtes Sumpfgebiet. Erst mit der Ankunft der Normannen und dem Bau der Burg, siedelten sich hier langsam immer Menschen Menschen im Schutze der Festung an. Unter der französischen Herrschaft des Hauses Anjou wuchs Presicce zu einer kleinen Stadt heran. Viel Land wurde trockengelegt.

Warum die Feudalherren im siebzehnten Jahrhundert dann so einen schlechten Ruf hatten, kannst Du hier lesen (auf Italienisch): I mascarani di Presicce – un giallo del  XVII secolo

Direkt neben der Kirche gibt es ein kleines Touristenbüro. Dort starten die sonntäglichen Führungen zu den unterirdischen Ölmühlen. Gerade außerhalb der Sommermonate muss man sich aber vorher anmelden. Die Führung dauert ca. eine Stunde und kostet pro Kopf 5 Euro.

Infos zu den Touren gibt es hier:  www.prolocopresicce.it

Auf dem geführten Spaziergang durch Presicce haben wir auch erfahren, warum der kleine Platz piazza grande und der große Platz piazza piccola heißen. Unter den Häusern der Altstadt findet man so viele Ölmühlen, dass in den neunziger Jahren irgendwann die Straße einstürzte.

Das Loch, das damals entstanden ist, als von einem Tag auf den anderen die Straße nachgab, konnten wir bei der Besichtigung sogar von unten sehen. Erst durch diesen Unfall entdeckte man, wie sehr der Untergrund hier einem Schweizer Käse gleicht. Hätte man einfach all die Tunnel und Löcher wieder zugeschüttet, indem man die Hohlräume aufgefüllt hätte, wären wertvolle archäologische Schätze verloren gegangen. Doch man musste ja die Häuser, Straßen und Plätze schützen, damit keine Menschen oder Autos Gefahr liefen, wenn der Boden eventuell wieder nachgeben würde. So entschied man sich, die entdeckten Ölmühlen unter der Erde zwar nicht zu restaurieren, aber sie zu belassen und die notwendigen Stützen einzubauen, damit hier in Zukunft nichts mehr einstürzen kann.

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Nach einem Bummel durch Presicce oder einem Besuch der frantoi ipogei (übersetzt sind das die unterirdischen Ölmühlen), kannst Du gegenüber der Kirche noch einen leckeren Kaffee trinken. Gerade nach dem sonntäglichen Besuch der Messe triffst Du hier ganz sicher ein paar Dorfbewohner. Der Caffè ist mega gut und die Bedienung total nett.

Caffè Del Luminaio
Piazza G. Villani, 14
73054 Presicce LE

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4 Comments

    • danke sehr 🙂 ist auch wirklich eine spannende Geschichte, die Sache mit den Ölmühlen und ganz anders als ich das aus Spanien kannte.
      Liebe Grüße
      Nicole

  • Der Bau der Kirche, da aus privatem Vermögen bezahlt, dauerte nur 18 Monate. Das einzige was von der alten Kirche, die dort vorher stand, übrig geblieben ist, ist der Glockenturm. Bild „Chiesa di Sant’Andrea Apostolo“ (rechte Seite).

    • stimmt – die Kirche wurde extrem schnell gebaut! 18 Monate ist sicher ein Rekord! Wenn man bedenkt, dass unsere Sagrada Familia noch imer nicht fertig ist …

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