Mein Weg durchs Watt – Île Tatihou

In Saint Vaast la Hougue ist gerade Markt. Ein buntes Treiben herrscht in den kleinen Straßen, nahe dem Hafen. Hier wird frischer Fisch verkauft, dort gibt es Obst, Gemüse, Gürtel, Portemonnaies und Lederwaren, und sogar frisch geschreinerte Holzmöbel. Nur ein paar Meter weiter soll gleich die Fähre zur Île Tatihou abfahren. Ich bleibe auf der Seite mit den Fischen. Hier duftet es nach Meer. Ich liebe diesen Geruch, diese Mischung aus Motoröl, Meersalz und Fisch. Für mich riecht es nach Freiheit und großer weiter Welt. Nach Abenteuern und Gefahren auf dem großen Meer.

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Entgegen der Wettervorhersage regnet es heute gar nicht. Als sich der morgendliche Nebel langsam lichtet und immer mehr Sonnenschein durch die weißen Wolken dringt, jubele ich innerlich, denn ich will von hier aus auf eine kleine vorgelagerte Insel, die Île Tatihou. Bei Regen wäre das nur halb so schön. Um 14 Uhr soll die Fähre hier irgendwo im Hafen ablegen. Doch es ist gerade Niedrigwasser und ich habe keine Ahnung, wie das funktionieren soll. Wo wird das Boot ablegen? An dem ausgeschilderten Anleger neben dem Hafenbecken sehe ich nur Sand. Müssen wir vielleicht auf die nächste Flut warten?

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Da stehe ich nun mit meinem Ticket in der Hand. Kein Boot ist zu sehen, nur Sand und die endlosen Reihen der Austernbänke. Plötzlich hupt es laut hinter mir. Ein Amphibienfahrzug! Die Fähre ist sowohl Boot als auch Bus. Das hätte ich mir ja denken können, schließlich soll das Gefährt ja sowohl bei Ebbe als auch bei Flut die Insel Tatihou erreichen können. Gut gelaunt klettere ich auf das Boot-Bus-Fahrzeug und genieße die Fahrt. Es geht an den unendlich scheinenden Bänken der Austernzüchter vorbei. Im Gegensatz zu der Muschelbank im Ebrodelta, wachsen die Austern hier nicht an Fäden, sondern in Säcken verpackt. Nach ein paar Kurven kommt die Île Tatihou langsam aus dem Nebel zum Vorschein. Bald ist sie ganz in Sicht. Wir umrunden ein paar Felsen und machen an dem kleinen Anleger der Insel fest.

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Die Île Tatihou ist nur ungefähr 0,3 Quadratkilometer groß und liegt im Ärmelkanal, direkt vor der normannischen Küste. Heute wohnt hier niemand mehr. Aber das war früher anders. Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts, als in Europa der Pfälzische Erbfolgekrieg tobte, war die kleine Insel sogar trauriger Schauplatz einer für die Franzosen sehr wichtigen Schlacht, der Bataille de Barfleur-La Hougue. Bei dieser Schlacht versenkte die englisch-holländische Flotte insgesamt elf Schiffe des französischen Monarchen Ludwig des XIV. Das kleine Museum auf Tatihou erklärt die Geschehnisse der Schlacht sogar in einem Film.

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Vom Anleger aus spaziere ich wie magisch angezogen zum anderen Ende der Insel. Dort thront ein mächtiger Wehrturm, die Tour Vauban, den König Louis XIV nach dem Desaster der verlorenen Schlacht von dem berühmten Baumeister errichten ließ. Gegenüber in Saint Vaast la Hougue auf dem Festland, baute man ebenso einen Turm. Von diesen beiden Wehrtürmen aus sollte die Hafeneinfahrt verteidigt werden.

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Blumen blühen und das Gras sprießt grün und saftig auf den Wiesen. Ein paar Schafe sorgen als biologische Rasenmäher dafür, dass es nicht zu lang wird. Mittlerweile ist die Insel ein kleines Vogelparadies und hinter dem Turm Vauban ist ein geschützter Bereich, nur für die brütenden Vögel.

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Dann erkunde ich den Teil der Insel, den sie Lazarett nennen. Ein weitläufiger Park mit mehreren, fast versteckten Gebäuden im üppigen Grün der Pflanzen. Ganz am Ende liegt ein kleines Museum, das vor allem die Geschichte der Bataille de la Hougue erzählt. Doch auch nach dieser traumatischen Niederlage fanden die Franzosen Verwendung für die Île Tatihou.

Als im achtzehnten Jahrhundert die Pest in ganz Europa wütete, nutzen sie die Insel als Quarantänestation. Seemänner und Kaufleute der ankommenden Schiffe mussten zunächst auf Tatihou bleiben, bevor sie ans Festland gehen durften. Während des Ersten Weltkriegs wurden deutsche und österreichische Gefangene auf Tatihou untergebracht. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs diente die Insel dann vor allem französischen Kindern als Luftkurort. Aber auch Frauen und Kinder, die im Spanischen Bürgerkrieg vor Francos Truppen gen Norden geflüchtet waren, suchten hier Schutz.

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Dann stehe ich wieder vor dem Zollhäuschen am Anleger, genau dort, wo ich vorhin vom Boot geklettert bin. Es dauert noch eine Weile, bis die nächste Fähre kommt, also setze ich mich in die Sonne und schaue ganz entspannt in die Gegend. Ganz weit hinten sehe ich eine kleine Gruppe Leute auf uns zu kommen. Sie gehen zu Fuß durch das sandige Watt. Ich sehe genauer hin und entdecke noch weiter hinten, ganz winzig klein, eine weitere Gruppe Menschen, die ebenfalls im Watt spazieren zu gehen scheint. Das will ich auch machen! Ich hatte schon gehört, dass das möglich sei, war mir aber bis jetzt nicht sicher, ob ich den Weg auch finden würde. Schließlich will ich ja nicht, dass mich auf halber Strecke die Flut überrascht.

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Schon bin ich auf den Beinen und erkundige mich bei einem Pärchen, das gerade zu Fuß die Insel erreicht hat, wie lange sie für den Weg gebraucht haben. Der nette ältere Herr, ein Amerikaner, wie sich schnell herausstellt, zieht gerade seine Socken an und beruhigt mich. Es sei ganz leicht zu laufen und man brauche nur ungefähr eine halbe Stunde. Doch wann setzt die Flut wieder ein? Ob es auch noch sicher ist, wenn ich jetzt erst loslaufe? Gemeinsam mit den anderen Touristen am Anleger suche und finde ich die Anzeige der Zeiten von Ebbe und Flut. Das sollte ich schaffen. Eine sehr nette ältere Dame, die doch lieber am Anleger auf die Fähre wartet, wünscht mir Glück. Dann marschiere ich los.

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Ich bin überrascht, wie einfach das Laufen im Watt ist. Unbeschwert und leichtfüßig spaziere ich an den Muschelbänken entlang durch den nassen Sand. Ab und zu kontrolliere ich, ob außer mir noch andere Leute im Sand unterwegs sind. Nur vorsichtshalber. Doch immer wieder entdecke ich neue Pärchen oder kleine Grüppchen, die sich in Saint Vaast auf den Weg gemacht haben und mir jetzt entgegenkommen. Irgendwo ungefähr in der Mitte der Strecke steht dann doch mehr als eine Pfütze auf dem Weg. Hier komme ich trockenen Fußes nicht mehr weiter. Ich ziehe lieber doch meine Schuhe aus und gehe barfuß weiter, hinein ins kühle Nass, das mir bald bis über die Knöchel reicht. Ein zweites Paar Schuhe habe ich nämlich leider nicht dabei. Das Wasser ist angenehm kühl an den Füßen. Es ist so schön frisch, dass ich einen Moment stehen bleibe. Einfach so, nur um das Meer noch etwas länger zu genießen. Ich sehe mich um. Muschelbänke, Sand und Wasser. Weit vor mir das trockene Ufer. Tatihou hinter mir wird bereits immer kleiner.

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Irgendwann, kurz vor Ende meiner kleinen Wanderung kommt mir das Amphibienfahrzeug entgegen. Die Fähre ist gerade auf dem Weg zur Insel. Von hier unten erscheint sie mir auf einmal ziemlich groß. Ein ordentliches Monstrum. Ich bin froh, als sie vorbei ist und ich das Watt wieder für mich allein habe. Nur zwischen den Austern ist ganz hinten noch ein Mann in Gummistiefeln unterwegs. Der werkelt zwischen den Bänken und dreht die Kisten. So lange der hier noch in Ruhe arbeitet, habe ich genügend Zeit, zum Ufer zu gelangen. Ein wunderbarer Spaziergang, so entspannend wie eine Stunde Yoga. Als ich schließlich den Strand erreiche, kommt auch die Amphibienfähre gerade an. Die ältere Dame, die mir auf Tatihou Glück für den Weg gewünscht hatte, winkt mir fröhlich strahlend von der Fähre aus zu. Die Insel ist wieder im Nebel verschwunden.

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Infos zur Île Tatihou :

Zur Geschichte der Île Tatihou:

Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte man schwer erziehbare Jugendliche in den mittlerweile leer stehenden Gebäuden unter. Bis in die achtziger Jahre war Tatihou eine bewachte Anstalt, von der es kein Entkommen gab: Bei Flut stand nur ein einziges Boot zur Verfügung, bei Ebbe konnten die Menschen in Saint Vaast per Glockengeläut gewarnt werden, die die Geflohenen sofort wieder einfingen.

Nachdem die Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche geschlossen worden war, kamen zwischen 1982 und 84 vietnamesische Flüchtlinge, die sogenannten boat people, auf Tatihou unter. Danach standen die Gebäude einige Jahre leer, die Insel verlassen, bis man das Meeresmuseum einrichtete und das Gebiet um die Île Tatihou innerhalb des europäischen Projekts Natura 2000 unter Schutz stellte.

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Tickets zur Île Tatihou :
Tickets für die Fähre gibt es nur in der Billeterie, nicht auf der Fähre selbst:

Billeterie Tatihou
Quai Vauban
50550 Saint Vaast La Hougue
Öffnungszeiten: 9 bis 12.30 Uhr und 13.15 Uhr bis 17.30 Uhr von März bis Oktober. Im Winter nur nachmittags. Dort erfährst Du auch wann genau Ebbe und Flut ist und ob die Gezeiten einen Spaziergang erlauben.

Preise (Stand 2018):
Ticket Hin- und Rückfahrt mit der Fähre 8,00 Euro
Ticket Hin- und Rückfahrt mit der Fähre + Eintritt ins Museum 10, 50 Euro
Für Kinder, Familien und Gruppen gibt es ermäßigte Tarife. Mehr Infos auf dieser Website  www.manche.fr

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Blogtrips. Vielen an Dank an Normandie Tourisme und Atout France. 

 

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