Die Beinahe-Kathedrale von Castelló d‘Empúries

An dem wunderschönen alten Waschhaus von Castelló d‘Empúries treffe ich mich mit Iraida. Iraida schreibt gerade ihre Doktorarbeit, ist absoluter Mittelalterfan und weiß einfach alles, was damals hier in der Gegend passiert ist. Wenn sie vom Leben der alten Grafen erzählt, dann macht sie das mit einer Begeisterung, die mich total mitreißt. Und so dauert es keine fünf Minuten, da bin ich abgetaucht ins Mittelalter.

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Ungefähr im neunten Jahrhundert beginnen die Leute aus Sant Martí d‘Empúries, dem Fischerdorf an der Küste wegziehen und Castelló d‘Empúries gründen. Vermutlich ist die Küste zu exponiert und die Gefahr der Piratenangriffe zu groß. Auf der Suche nach einem sichereren Ort, ziehen sie sich ins Feuchtgebiet der Aiguamolls zurück und lassen sich dort in einer kleinen Siedlung auf einem Hügel in der Nähe des Flusses Muga nieder. Eine große Burg entsteht, ein paar Häuser werden drum herum gebaut und natürlich eine Stadtmauer. Vor dem Ort liegen mehrere Klöster, und an dem kleinen Fluss entstehen mit der Zeit drei Mühlen.

Im Jahr 1078 hatte sich Castelló d’Empúries bereits zur Hauptstadt der Grafschaft Empordà entwickelt. Da die Menschen hier alle in der einen oder anderen Weise von der Textilbranche lebten, und das Geschäft boomte, war der Ort sehr wohlhabend. Die Leute webten, nähten, färbten oder handelten mit den schönsten Stoffen. Bald schon hatten sich die Textilien aus Castelló einen Namen gemacht und genossen in ganz Europa einen guten Ruf.

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Die Leute hatten also Geld und da Castelló d‘Empúries nach Girona und Perpignan mit geschätzten fünf bis sechstausend Einwohnern die drittwichtigste Stadt in den katalanischen Grafschaften war, wollten sie sich auch eine Kathedrale zulegen. Ein Bischofssitz, so dachte man, würde dem Status der Stadt entsprechen. Die Einwohner waren ziemlich sicher, dass sie früher oder später eine Kathedrale kriegen würden, also begannen sie schon mal mit den Bauarbeiten. Auf Anfrage des Grafen des Empordà erließ der Papst sogar eine Bulle, in der er Castelló d’Empúries das Recht auf eine Kathedrale zugesteht. Allerdings knüpfte er diese Erlaubnis an eine Bedingung und machte sie von der Zustimmung des Bischofs von Girona abhängig.

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Der war jedoch selbst gerade dabei, eine große Kathedrale zu bauen. Da die Grafen von Empúries sehr dickköpfige, sture Krieger waren, die zwar stark und mächtig waren, aber sich in schöner Regelmäßigkeit mit den Reichen und Mächtigen anlegten, hatten sie sich gerade leider den Bischof von Girona zum Feind gemacht. Der verweigerte daraufhin seine Zustimmung zur Kathedrale in Castelló, die ja in Konkurrenz zu seiner eigenen Kathedrale in Girona stehen würde.

Doch die reichen Zünfte und wohlhabenden Familien in Castelló d‘Empúries hielten an ihren ehrgeizigen Plänen fest. Sie spendeten reichlich Geld für den prachtvollen Kirchenbau. In Katalonien gab es zu dieser Zeit noch keine gotischen Kirchen. Die geplante Kathedrale in Castelló sollte die Erste in diesem neuen Stil werden. Die reichen Kaufleute ließen sich nicht lumpen und engagierten einen Baumeister aus Chartres, der ihre Kathedrale entwerfen sollte.

Iraida zeigt mir an der Fassade unzählige Hinweise auf die vielen edlen Spender, die sich dort in zahlreichen Zeichen, Schilden oder Tieren verewigen lassen haben. „Die Kirche ist voll von diesen Symbolen der Sponsoren, wie man das heute nennen würde“, erklärt sie mir. „Und diese Geldgeber hatten einen ziemlich großen Einfluss auf die Bauarbeiten.“ Einer der Spender hatte zum Beispiel bei einer Italienreise diese schwarz-weißen Muster entdeckt. Zurück in der Heimat bat er nun darum, dass mit seiner Spende eine Treppenstufe in ebendiesem italienischen Stil gebaut werden solle. Wie man sieht, wurde seinem Wunsch entsprochen, denn die erste Stufe zum Eingangsportal besteht aus schwarzen und weißen Steinen.

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„Aber wie kommt es, dass die Fassade noch so gut erhalten ist“, will ich wissen, denn während des Spanischen Bürgerkriegs sind ja ziemlich viele Kirchen zerstört worden. Offenbar waren die Einwohner von Castelló d‘Empúries sehr geschickt. Um ihrer Kirche, denn eine Kathedrale ist es ja offiziell nie geworden, ein Schicksal zu ersparen, wie es zum Beispiel Santa Maria del Mar in Barcelona, aber eben auch viele andere Kirchen erlitten haben, bauten sie einfach eine hohe Mauer vor die Fassade, die sie mit den Worten Monumento Nacional beschrifteten. Sie ließen nur so viel Platz, dass man die Eingangspforte noch benutzen konnte. Der Trick gelang. Die Apostel waren geschützt und die Fassade hat die Kriegswirren mehr oder weniger unbeschadet überlebt.

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In der Mitte des Apostelportals wird die Anbetung des Jesuskindes durch die Heiligen drei Könige dargestellt. Wir schreiten vorbei an den Aposteln und betreten die Kirche. Die Decke ist enorm hoch und viele Fenster sorgen für Licht. Allerdings wurden nicht überall Fenster eingebaut. Auf der Nordseite verzichtete man auf die bunten Glasfenster, da aus dieser Richtung die Tramontana, der heftige Wind aus den Bergen, herunter fegt.

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Die Decke wird von den für die Gotik typischen Spitzbögen getragen. Auch auf den Scheitelsteinen der prächtigen Bögen prangen wieder zahlreiche Symbole der Sponsoren. Doch Iraidas ganzer Stolz ist das Altarbild aus Alabaster.

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Im Zentrum des Altars steht Maria Purificada, als Mutter vierzig Tage nach der Geburt Christi (cuarentena) dargestellt wird, denn so lange mussten die Frauen in „Quarantäne“ verbringen, bis sie nach einer Geburt wieder rein waren. Leider haben die zerstörerischen Kräfte der verschiedenen Kriege auch vor dem Altar nicht haltgemacht. Unter den Hammerschlägen der Eindringlinge verloren zahlreiche Figuren ihre Köpfe, Arme und Beine.

Iraida zeigt mir auch hier wieder viele kleine Einzelheiten, wie eine Maus, ein Wildschwein und diverse andere Hinweise auf die verschiedenen Geldgeber. Die ganze Kirche scheint ein einziges Marketingprojekt zu sein. Das war damals offenbar schon nicht anders als heute. Nur haben sie das früher irgendwie noch hübscher verpackt.

Die schlanken Pinakel des Altarbildes erinnern irgendwie an die Türme der Sagrada Familia. Ein gebildeter und kunstinteressierter Mensch wie Antoní Gaudí, der so viel Wert auf die katalanische Identität legte, kannte mit großer Wahrscheinlichkeit dieses Altarbild in der Kathedrale des Empordà. Es ist also durchaus denkbar, dass er sich hier für sein großes Werk inspirieren ließ. Je länger ich hinsehe, umso mehr Ähnlichkeit zwischen dem Altarbild und der Geburtsfassade der Sagrada Familia, entdecke ich.

In den seitlichen Kapellen befanden sich früher wahrscheinlich reich geschmückte Gräber der Spenderfamilien. Doch im Innenraum der Basílica de la Santa Maria ist leider nicht viel Mittelalterliches erhalten geblieben. Immer wieder wurde die Kirche von französischen Truppen in diversen Kriegen geplündert. Nur das doppelte Taufbecken, das noch aus der romanischen Kirche, die einst hier stand, stammt, überstand die Jahrhunderte unbeschadet.

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Auch die ursprüngliche Orgel wurde bei einem der Überfälle zerstört. 1806 baute man eine neue Orgel, die bis heute imposant und mächtig in der Kirche thront. Doch zu der Zeit ist Castelló d’Empúries längst nicht mehr reich und wohlhabend. Obwohl die Einwohner unter einer der zahlreichen wirtschaftlichen Krisen leiden, leisten sie sich trotzdem diese außerordentliche Orgel mit vier Registern.

Die Grafen des Empordà waren über viele Jahrhunderte hinweg souverän und unabhängig. Der starke Charakter des ersten Herrschergeschlechts sicherte ihnen zwar diese Eigenständigkeit, brachte allerdings auch einige Probleme, denn die störrischen Herrscher legten sich immer wieder mit den Mächtigen ihrer Zeit an. Immer wieder kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die nicht gerade für gute Stimmung am Königshof sorgten.

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Über mehrere Generationen haben die Grafen des Empordà also immer wieder versucht, ihre Kirche zur Kathedrale ernennen zu lassen. Joan d‘Empúries I ist schließlich der letzte Graf, der den Titel für seine Kirche reklamiert. Er ist jedoch bis über beide Ohren in Streitereien mit dem Grafen von Barcelona Pere el Cerimoniós verwickelt, der gleichzeitig König von Aragón ist. So wird also wieder nichts aus der Kathedrale.

Nicht lange nach dem Tod Joan I von Empúries naht jedoch das Ende der Souveränität der aufsässigen Grafschaft. Sein Sohn Joan II und auch dessen Bruder Pere III sterben, ohne Nachkommen hinterlassen zu haben, sodass die Grafschaft Empordà nun im Königreich Catalunya-Aragò aufgeht. Doch dieser „Sieg“ des Hauses Barcelona währt nicht lange, denn nach dem Tod Pere III el Cerimoniós, Graf von Barcelona und gleichzeitig König von Aragón, gehen seine Titel an den ältesten Sohn Joan el Caçador über. Der leidet jedoch unter einer delikaten Gesundheit und stirbt bald. Durch diesen frühen Tod gehen nun sämtliche Titel an seinen Bruder Martí l‘Humà, der ebenfalls ohne Nachkommen zu hinterlassen verstirbt. So erfahren die Häuser beider Grafschaften ein ähnliches Schicksal: die Häuser beider Streithähne verlieren ihre Titel und mit der einst so stolzen Unabhängigkeit der mächtigen Grafschaft ist es vorbei.

Nach dem Besuch der Beinah-Kathedrale bin ich im Kopf noch immer in den Geschichten des Mittelalters versunken. Es gibt in diesem kleinen Dorf wirklich so viel zu sehen! Iraida führt mich zu einem der Eingangstore der alten Stadtmauer. Das Portal de la Gallarda ist total gut erhalten und befindet sich im Garten eines Restaurants. Der Name des Portals stammt vermutlich von der Familie Gallard und ist wahrscheinlich die weibliche Form des Familiennamens. Ich gehe ein paar Stufen hinunter und schreite durch das alte Tor. Schon stehe ich vor der mittelalterlichen Stadtmauer. Eine Brücke führt über den kleinen Bach, der an der Mauer entlang zur alten Mühle führt.

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Oben im Dorf schlängeln sich die engen, alten Gassen um die Plaça dels Homes, den Platz auf dem sich vermutlich früher die Arbeiter versammelten und ihre Dienste als Tagelöhner anboten. Von der Burg, die dem Ort einst den Namen gab, ist jedoch längst nichts mehr erhalten. Vermutlich war die Burg schon im späten Mittelalter verlassen und stand leer. Da Archäologen Aschespuren fanden, ist es durchaus möglich, dass das Castell irgendwann abgebrannt war und hier nur noch eine Ruine stand. Um mehr Platz innerhalb der Stadtmauer zu schaffen, ließ man schließlich auch diese Reste der Burg einreißen und nutzte, praktisch wie die Menschen waren, die Steine für andere Bauten, zum Beispiel das Gefängnis.

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Ein eigenes Gefängnis zu haben, war relativ ungewöhnlich damals und zeugt davon, wie wichtig Castelló d‘Empúries gewesen sein muss, denn ganz offensichtlich brauchte die Stadt einen Platz, an dem die Verurteilten verwahrt werden konnten. Es war l’Infant Pere I d’Aragó (1325-1342), der dieses Gefängnis errichten ließ. Es war, wie die Kirche, ein notwendiges Gebäude, gleichzeitig aber auch ein Symbol für die Macht der Grafschaft, beziehungsweise des Grafen.

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Das Tribunal verurteilte die Angeklagten meist zu Geldstrafen oder Arbeitsdiensten, manchmal auch zu Schlägen. Im Gefängnis warteten die Verurteilten darauf, ihre Strafe zu erhalten. Der Wärter dort war eine Art Mädchen für alles. Er versorgte nicht nur die Gefangenen, die zu mehreren, wahrscheinlich sogar Frauen und Männer gemischt, in den engen Zellen hockten. Er war auch für die Ausbesserung der Schlösser und die Ausführung der Strafen zuständig. Bezahlt wurde er pro Job, sozusagen. Das weiß man aus alten Unterlagen.

Insgesamt gab es fünf Zellen unten, die sich um einen kleinen Innenhof gruppierten und fünf Zellen oben, die etwas besser ausgestattet waren als die unten und ein Loch, ohne Fenster und ohne Ausgang. Während die Leute hier im Gefängnis hockten, mussten sie übrigens dafür bezahlen hier zu übernachten und Essen zu bekommen. Die Unkosten die sie verursachten, mussten die Gefangenen selbst übernehmen. An den Wänden zeigt Iraida mir die Steine, die noch aus der alten Burg stammten und hier wiederverwendet wurden. Und sie erklärt mir die Graffiti an den Wänden. Kleine Zeichnungen, Wörter oder einfach Striche, die die Menschen vor vielen Jahrhunderten hier in die Wand geritzt haben.

Mehr Infos zu Castelló d‘Empúries :

Basílica de Santa Maria
Plaça Mossèn Cinto Verdaguer, s/n
17486 Castelló d‘Empúries
Baubeginn der Basilika war 1261, geweiht wurde sie im Jahr 1315 oder 1316.

Das Gefängnis befindet sich im Museum für mittelalterliche Geschichte:
Museu d’Història Medieval de la Cúria-Presó 
Plaça Jaume I
17486 Castelló d’Empúries

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Webseiten mit Infos und Bildern:  www.empordabrava.cat  (auf Katalanisch)

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Mein Besuch in Castelló d’Empúries wurde unterstützt vom Patronat Girona Costa Brava. Die hier dargestellte Ansicht, drückt einzig und allein meine persönliche Meinung aus.

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