MNAC – Katalanische Kunst vom Mittelalter bis heute

Um Katalonien aus den Augen der Künstler zu sehen, gehe ich heute ins MNAC (Museu Nacional d’Art Catalunya), das bedeutendste Kunstmuseum Kataloniens. Hier sind Gemälde, Skulpturen und Möbel der verschiedensten Epochen, vom Mittelalter bis zur Gegenwart, versammelt.

Eine Stadt, eine Gesellschaft, kann man nicht nur durch seine Sehenswürdigkeiten kennenlernen, sondern auch durch die Menschen, die Küche und die Kunst. Künstler haben oft einen besonderen Blick auf die Gesellschaft, in der sie leben. Einerseits sind sie Insider und kennen sich aus, können die Menschen und die Situationen verstehen, anderseits sind sie auch sehr kritisch und stehen durch ihren etwas anderen Blick auf die Dinge manchmal eher am Rande der Gesellschaft.

Palau Nacional MNAC Barcelona

Das Gebäude:

Die Weltausstellung 1929 in Barcelona fand auf dem Montjuïc statt. Nur für diesen einen Zweck errichtete man zahlreiche Pavillons, die eigentlich nach der Expo wieder abgerissen werden sollten. Bis zu dieser Zeit galt die Gegend auf und um den Montjuïc noch als ein unwirtlicher Vorort. Es war mehr eine Art Versteck, als ein Teil der Stadt. Der Plan hier die Weltausstellung stattfinden zu lassen, lief langfristig darauf hinaus, den Berg mehr in die Stadtplanung einzubinden, ihn zu urbanisieren.

König Alfons XIII reiste aus Madrid an, um die Ausstellung zu eröffnen. Unter dem Regime des Diktators Primo de Rivera versuchte Spanien sich in Barcelona von seiner besten Seite zu zeigen. Die „Venezianischen Türme“ an der Plaça Espanya wurden als pompöse Eingangspforte zum Ausstellungsgelände errichtet. Die berühmten „Vier Säulen“ des Modernisten Puig i Cadafalch, die sich seit 1919 vor der Font Magica erhoben, hatte der Diktator als ein Symbol des Katalanismus abreissen lassen.

MNAC Barcelona Quatre columnes

Das wichtigste und größte Gebäude sollte den spanischen Pavillon beherbergen. Der ursprüngliche Entwurf des Palau Nacional stammte von Puig i Cadafalch, aus Zeiten vor der Machtübernahme Primo de Riveras. Um die Größe und Einigkeit des spanischen Königreichs besser zu repräsentieren, wurde der Palast dann von regimefreudigeren Architekten jedoch monumentaler und pompöser gestaltet. Letztendlich wirkt das Gebäude durch die vielen verschiedenen Kunststile, die hier nachempfunden und gemixt wurden, einfach irgendwie übertrieben. Wie eine Kirsche thront das Gebäude auf dem Berg des Montjuïc. Seit 1990 das Museu d’Art Modern und das Museu d’Art de Catalunya zusammengeführt wurden, befindet sich hier das MNAC.

Eigentlich sollten die Gebäude nach der Weltausstellung wieder abgerissen werden. Während der „Deutsche Pavillon“ des Mies van der Rohe dann auch wirklich unter die Abrissbirne kam – und erst später originalgetreu wieder aufgebaut wurde – fanden die Regierenden andere Gebäude, wie die Venezianischen Türme oder den Palau Nacional, so erhaltenswert, dass man sie stehen ließ.

venezianische tuerme Barcelona

MNAC GEBAUDE PALAU NACIONAL BARCELONA

Romanische Kunst:

Das MNAC umfasst nicht nur die größte romanische Kunstsammlung der Welt, sondern auch Werke aus anderen Epochen: Gotik, Renaissance, Moderne, Modernismus und Avantgarde. Alles zu sehen geht gar nicht, aber heute verschaffe ich mir zumindest einen ersten Überblick.

Die Sammlung der romanischen Kunst ist wirklich beeindruckend! Kein Museum der Welt verfügt über so viele, so gut erhaltene Werke aus dieser Zeit. Mit offenem Mund laufe ich durch die Räume. Was heißt Räume, es sind große Säle, in denen einzelne Kapellen nachgebaut wurden.


romanisch
WAndmalereien Romanisch MNACChristus Pantokrator – aus: Sant Climent de Taüll 

Romanische Kunst ist zweidimensional. Sie hat noch keine Perspektive. Manchmal sieht es ein wenig wie Malen nach Zahlen aus, denn dicke schwarze Umrandungslinien wurden mit Farbe gefüllt. Ein Spiel mit Licht und Schatten gab es noch nicht. Alle Figuren sind gleich hell oder dunkel, eher frontal und in vereinfachten Formen gemalt. Allein durch die Größe der dargestellten Figuren konnte man auf die Bedeutung schließen, je größer umso wichtiger waren sie. Oft sind die Hände überraschend groß und wirken unproportioniert. Normalerweise wurden die Evangelisten symbolisch dargestellt (Engel – Matthäus, Löwe – Markus, Ochse – Lukas, Adler – Johannes). Einige der in den Bergen lebenden Kirchenmaler hatten aber offenbar Schwierigkeiten mit der Darstellung des Löwen. Was machte also ein Künstler, der noch nie einen Löwen gesehen hat? Er malt das, was er kennt und ergänzt den Rest mit seiner Fantasie.

MNAC ROMANISCH Collage
Das, was wie ein Wolf oder ein Bär aussieht, soll der Löwe, als Symbol des Evangelisten Markus, sein.

Die Engel mit den Augen auf den Flügeln und in den Händen sind übrigens Seraphim. Sie scheinen gar keinen Körper zu haben und nur aus Flügeln zu bestehen. Angeblich stehen diese Seraphime Gott besonders nahe. Unter Engeln gibt es nämlich auch Hierarchien. Die Erzengel, die ja in der Bibel oft den Menschen Botschaften überbringen, gehören der unteren Kategorie an. Die Seraphim gehören zur obersten Hierarchie und haben keinerlei Kontakt zu den Menschen.

MNAC romanische Kunst Sammlung Barcelona santa Maria de tauell Romanische Wandbilder aus: Santa Maria de Taüell (Lleida)

MNAC nachgebaute Kapelle
MNAC barcelona romanische Kunst sala capitular sixenaMalereien aus der Sala Capitular des Monastir Santa Maria de Sixena (Osca)

Um die letzte Jahrhundertwende kam es in Barcelona zur Renaixença, eine Zeit der Rückbesinnung auf katalanische Wurzeln, Geschichte, Bräuche und Traditionen. Diese katalanische Renaissance, ein romantisch verklärter Idealismus, führte dazu, dass alte Kirchen, wie z. B. das Kloster Ripoll, restauriert wurden oder dass man die romanischen Malereien, die in manchen kleinen Kirchen und Kapellen der Bergdörfer erhalten geblieben waren, für die Nachwelt sicher aufbewahren wollte. Mithilfe großzügiger Spenden der reichen Bürger Barcelonas wurden italienische Spezialisten damit beauftragt, die Kunstwerke in den verstreut liegenden Kapellen einzusammeln. Mit einer besonderen Technik extrahierte man die jahrhundertealten Wandmalereien und baute sie im Museum wieder auf. Damit alles möglichst originalgetreu bleiben sollte, wurden ganze Kapellen mit Apsis und Bögen nachgestellt.

Zusammen mit Esther und Monica, die mich durch das Museum führen, mache ich mich auf den Weg in den Teil des Museums, der sich mit der Renaixença befasst, die Abteilung des Modernisme. Wir durchqueren die Gotik, die Renaissance, das Barock, lassen die Heilige Barbera, El Greco und Tiepolo hinter uns, bis wir in der Moderne ankommen.

MNAC EL GRECOBarock – zwei Gemälde von „El Greco“

MNAC MODERNE ferrer miro

rusinol casas tetuan MNACoben: Ramon Casas und Rusiñol, Paris – unten: Marià Fortuny – Schlacht von Tetuan

Modernisme:

Kurz vor dem Beginn des letzten Jahrhunderts entsteht in Barcelona Renaixença. Einige Bürger waren durch Handel mit den neuen Kolonien reich geworden, die industrielle Revolution hatte endlich auch Katalonien erreicht und die Wirtschaft blühte langsam auf. Bald entstand eine wohlhabende, bürgerliche Gesellschaftsschicht. Die gut situierten Einwohner Barcelonas hatten Zeit und Geld für Kunst. Aber es gab auch noch eine andere Seite. Der nicht reich gewordene Teil der Bevölkerung lebte weiterhin in Armut. Barcelona wird zu einem sozialen Brennpunkt. Ein Thema, das einige modernistische Künstler aufnehmen.

Tandem Casas Modernisme MNACRamon Casas i Pere Ramon en un tàndem“

modernisme musikschrank MNAC Barcelona

modernistische Möbel MNAC   modernistische moebel Mnac

Wer beim Thema Modernisme natürlich nicht fehlen darf, ist Antoni Gaudí. Aus seiner Feder sind eiserne Türpforten, maßgeschneiderte Möbel, filigrane Glasarbeiten, Türen und Fenster zu sehen. Gaudí war zwar der berühmteste aber lange nicht der einzige Modernist Barcelonas. Andere wichtige Vertreter waren Puig i Cadafalch, Domènech i Montaner unter den Architekten, oder Maler und Bildhauer wie Ramon Casas, Miquel Blay, Josep Llimona oder Santiago Rusiñol.

MNAC DESCONSOL JOSEP LLIMONAJosep Llimona „Desconsol“

MNAC Claraso EVA   MNAC flor silvestre BLay

Der Modernisme war trotz aller Sehnsucht nach Erneuerung auch die Zeit der Rückbesinnung auf katalanische Traditionen. Besser noch als in der Architektur, zeigt sich in den Gemälden diese idealisierte Welt des katalanischen Landlebens.

landleben katalonien heile welt MNAC

Blay: Els primers freds

Blay stellt in dieser Skulptur keine Helden und keine Heiligen dar, sondern einfach einen alten Mann und ein kleines Mädchen. In Marmor gehauen sitzt der alte Mann frierend und blickt irgendwie leidend und hoffnungslos drein. Als wolle sie den Opa aufmuntern, beugt sich das junge Mädchen über seine Schulter zu ihm hin. Fast so, als wolle sie ihm Mut zusprechen.

els primers freds blay MNAC marmorMarmorstatue „Els primers freds“ von Miquel Blay

Während der alte Mann sehr detailliert und realistisch dargestellt ist, sind die Formen und die Linien bei dem jungen Mädchen viel weicher und glatter. Bei dem alten Mann sieht man jede Falte, sogar einzelne Haare kann ich erkennen. Dieses Werk Blays steckt voller Gegensätze. Hier prallen zwei Tendenzen in der damaligen Kunst aufeinander, nämlich der akademische Realismus des Alten einerseits und der neue, gerade aufbrechende, romantische Idealismus des jungen Mädchens andererseits. Es ist Blays Versuch, die gerade aufblühende Renaixença, die verklärte Idealisierung des Katalanischseins in die Kunst zu übertragen.

Die Zeit, in der Blay Els primers freds schafft, ist auch die Zeit der größten Unruhen in Barcelona. Die Stadt ist ein brodelndes Pulverfass sozialer Konflikte. Lange schon ist Barcelona viel zu dicht besiedelt und platzt aus allen Nähten. Der Großteil der arbeitenden Bevölkerung lebt verarmt und unter schlimmsten Bedingungen. Aufstände, Rebellion, Bomben und Plünderungen bestimmen bald das alltägliche Straßenbild. Schwere Zeiten kündigen sich an. Der Mann und das Mädchen, Alter und Jugend, die hier frierend und traurig auf einer Bank sitzen, sind die verletzlichsten Schichten in dieser Gesellschaft.

MNAC moderne kunst

MNAC CARTELLISME

MNAC PICASSOPicasso

MNAC BARCELONA MIROMiró

Nach den Modernisten geht es natürlich noch weiter. Noucentisme, die Zeit des Spanischen Bürgerkriegs, Picasso, Kubismus, Cartellisme, der Beginn der Fotografie, des Films und all die anderen Werke, werde ich mir beim nächsten Mal ansehen.

Die MNAC Terrasse:

MNAC TERASSE CALATRAVA TURM

Selbst wenn man überhaupt nicht an Kunst oder Geschichte interessiert ist, die Aussichtsterrasse des Museums ist der Hammer! Ganz oben auf dem Dach führt ein Weg einmal um die Kuppel herum. Auf der Rückseite des Museums sieht man das Olympiastadion, die Torre Calatrava und den Garten des Palasts, in dem das spanische Königspaar residiert, wenn es denn mal in Barcelona zu Gast ist.

Auf der Vorderseite erstreckt sich die Stadt bis zum Meer und den Tibidabo hinauf – ein unglaubliches Panorama! An einem lauen Sommerabend hier gemütlich zu sitzen, etwas zu trinken und auf die brodelnde Stadt da unten zu schauen, das muss einfach jedem gefallen.

MNAC AUSSICHT

  Von hier oben aus hat man übrigens die allerbeste Sicht auf die Wasserspiele des Font Magic!

MNAC Terrasse chillen Blick

Nützliche Infos MNAC:

Alles an einem Tag zu sehen geht gar nicht. Zum Glück ist die Eintrittskarte mehrere Tage lang gültig. Innerhalb von 30 Tagen kann ich mit einem Ticket zweimal ins Museum!

Eintritt und Öffnungszeiten:

Winter Öffnungszeiten (Oktober bis April): Di bis Sa 10-18 Uhr,  Sonn- und Feiertage 10 bis 15 Uhr
Sommer Öffnungszeiten (Mai – September): Di bis Sa 10-20 Uhr,  Sonn- und Feiertage 10 bis 15 Uhr

Eintritt: 12 Euro (ab dem Tag des Kaufs 30 Tage lang gültig)
Aufstieg zur Terrasse: 2 Euro
Audioguide (auch in Deutsch verfügbar): 3,50 Euro
Ermässigungen und spezielle Infos auf der Website des Museums: www.museunacional.cat 

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