Torrebesses: Trulls, Ajubs und eine unfertige Kirche

Fluchend sitze ich im Mietwagen. Vor mir an der Kreuzung geht es geradeaus nicht weiter. Da ist eine Felswand. Keiner der Orte, die rechts oder links ausgeschildert sind, kommt mir auch nur annähernd bekannt vor. Das GPS meint, ich solle nach links fahren. Allerdings hat mich das Gerät auch auf diesen Kiesweg mit Schlaglöchern geführt, der außer von mir wahrscheinlich nur einmal im Jahr von einem Traktor befahren wird.

Um mich herum erstreckt sich eine, weite karge Landschaft. Olivenbäume und Weinreben säumen den Weg. Kleine Hügel und Täler erstrecken sich wellenartig bis zum Horizont, so weit das Auge reicht. Eine Welt aus Grün und Braun und sandigen Farben.

Doch ich bin gerade blind für all diese Schönheit, denn ich habe keine Ahnung, wo ich überhaupt bin. Mangels Alternativen folge ich also doch wieder dem GPS und biege nach links ab. Immerhin scheint die Straße befestigt zu sein. Irgendwo werde ich schon ankommen.

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Eigentlich ist es gar nicht so kompliziert, Torrebesses zu finden. Jedenfalls nicht, wenn man von Lleida aus kommt. Doch ich komme von der anderen Seite, aus den Garrigues und durchquere sämtliche Hügel und Täler. Natürlich ist meine Route sehr viel schöner und malerischer, als der direkte Weg von der kleinen Hauptstadt aus, aber sie führt wirklich quer durch die Landschaft.

Nachdem ich mich also meinem Schicksal, beziehungsweise der Stimme aus dem Lautsprecher gefügt habe, bin ich endlich entspannter. Ich fahre so, wie es mir das Gerät vorschlägt, ohne die Logik der Strecke immer wieder zu hinterfragen. Jetzt kann ich auch die Landschaft genießen. Ich lasse los, gebe die Kontrolle ab und versuche auch gar nicht mehr zu verstehen, wo ich bin.

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Und siehe da, zwanzig Minuten später stehe ich schon mitten in dem kleinen Ort. Gerade als ich meinen Wagen vor dem kleinen Rathaus abgestellt habe, erscheint Juanjo. Juanjo ist Anfang dreißig und supernett. Mit ihm bin ich hier verabredet, damit er mich durch sein Dorf führt. Bevor wir aber durch Torrebesses laufen, will er mir noch etwas anderes zeigen. Also fahren wir erst einmal wieder raus, in die Felder.

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Wasserlöcher, Ajubs und Pedra Seca

Irgendwo zwischen den unendlich scheinenden Olivenbäumen machen wir Halt. Wir stehen auf einer Art Feld, einem trockenen Acker. Um uns herum trotzen die knorrigen Olivenbäume tapfer der Hitze. Ein paar Meter vor uns erheben sich zwei kuppelartige Steinhaufen aus dem Boden. Ein bisschen erinnern sie mich an überdimensionale Bienenkörbe.

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Juanjo erklärt mir auch gleich, dass es sich bei diesen „Zwillingen“, so heißen die Steinhütten nämlich, um Wasserspeicher handelt. Oliven brauchen zwar nicht viel Wasser, aber ganz ohne kommen sie natürlich auch nicht aus. Zum Bewässern der Felder haben sich die Großväter der heutigen Olivenbauern also etwas ausgedacht. Irgendwo mussten sie Wasser herkriegen. Es aus dem Dorf heran zu karren wäre natürlich sehr umständlich, also buddelten sie ein Loch in den Boden und fingen das Wasser in kleinen Becken auf. Damit aber keine Tiere in diese offenen Bassins fielen und um das Wasser sauber zu halten, errichteten sie mit den herumliegenden Steinen diese kleinen Hütten um die Wasserlöcher herum. Diese Bienenstöcke sind also begehbare Brunnen mit einer Eingangstür.

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Im Gegensatz zu den benachbarten Dörfern, die sich nicht weit von hier an die Hügel schmiegen, liegt Torrebesses in einem Tal. Der große Vorteil dieser Lage ist, dass sich hier im Tal das Grundwasser sammelt und die Einwohner auch bei großer Trockenheit nie unter Wassermangel leiden. Entsprechend viele Brunnen und Wasserstellen gibt es auf den Feldern und Wiesen um Torrebesses herum. Diese beiden Wasserhütten, ajubs genannt, sind ein typisches Beispiel. Juanjo öffnet die Tür und zeigt mir das Innere der kleine Hütte: ein Becken mit Wasser.

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Diese Ajubs erinnern mich ein wenig an die Trulli in Süditalien oder die Bories in Südfrankreich. Der große Unterschied ist nur, dass die alten Franzosen und Italiener in den Hütten lebten, während hier darin das Wasser gespeichert wird. Die Bauweise ist aber schon sehr ähnlich. Ohne Mörtel oder eine andere Art von Kleber wurde einfach Stein auf Stein geschichtet. „Pedra seca“ nennt Juanjo dieses Prinzip, das die Menschen wohl sogar schon in der Steinzeit verwendeten, um Trockensteinmauern und Hütten zu errichten. Wobei die Art der Steine und wie sie geschichtet wurden, schon viel über den Erbauer und über die Gegend aussagen.

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Juanjo weist mich noch auf einen wichtigen Unterschied zwischen den Zwillingen hin. Während eine Hütte ein kuppelartiges Dach hat, auf dem ein flacher Stein thront, ist das andere Dach flacher und hat keinen solchen Stein. „Der flache Stein signalisiert, dass das hier ein öffentlicher Brunnen ist, und dass sich jeder Wasser holen darf. Ein runder Stein auf dem Dach bedeutet hingegen, diese Wasserstelle ist privat.“ Aber die weitaus meisten Ajubs waren für jedermann zugänglich. In Torrebesses hat man so viel Wasser, das man das auch gerne gemeinschaftlich teilt.

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Die Ölmühle

Juanjo hat vor einiger Zeit einen kleinen Schatz entdeckt, zu dem er mich jetzt voller Stolz führt. Es ist eine alte Ölmühle, noch ziemlich gut erhalten. Juanjo hat sich dafür eingesetzt, dass das alte Gebäude restauriert und wieder vorzeigbar gemacht wurde. Denn Öl hat schon immer eine wichtige Rolle in der Region gespielt und ist ein Teil der Landschaft und der Geschichte.

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Wie ein riesengroßer Hammer dominiert ein fetter Holzbalken den Raum. Er ist wirklich gigantisch. Junajo erklärt mir, wie mir ganz genau die Leute mit diesem Ding Öl aus den Oliven gepresst haben. Im Grunde genommen funktioniert dieses Ding nach dem Nussknackerprinzip. Die Oliven werden in der Presse gequetscht, die Flüssigkeit wird in einem ersten Becken aufgefangen. Da dieser erste Olivensaft auch noch Wasseranteile enthält, muss zunächst das Öl vom Wasser trennen. Das ist relativ einfach, denn Öl schwimmt ja auf dem Wasser.

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Während des Spanischen Bürgerkriegs haben sich Truppen in der alten Ölmühle eine provisorische Unterkunft eingerichtet. Davon zeugen diverse Kritzeleien an den Wänden. „Im Winter war es wohl ziemlich kalt, daher haben die Soldaten alles, was sie zum Feuermachen nutzen konnten, verbrannt“, erzählt Juanjo. An der Wand gegenüber der großen Presse muss sich ursprünglich nämlich noch eine zweite, baugleiche Presse befunden haben. Die Ablaufbecken für das Öl sind dort eindeutig zu erkennen. Aber diese zweite Holzpresse haben die Soldaten offenbar verfeuert.
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Torrebesses

Als wir wieder im Dorf angekommen sind, machen wir uns zu Fuß auf den Weg, zum Hügel. Wir kommen an vielen schönen und sehr alten Häusern vorbei. Das kleine Trockenstein-Museum liegt neben einer alten maurischen Festung, die noch aus den Zeiten der Taifas stammt. Heute befindet sich darin ein Gästehaus, das wir gerade leider nicht besichtigen können.

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Aber dafür überrascht mich Juanjo in dem kleinen Museum: Er öffnet eine Klappe im Fußboden. Sie führt in einen Keller. Vorsichtig steige ich die Stufen hinab ins Dunkle. Der in den Felsen gehauene Keller besteht aus mehreren Räumen. Ich muss den Kopf etwas einziehen, denn das Lager für Getreide ist wirklich nicht sehr hoch. In einem anderen Raum steht altes Werkzeug, nebenan ist ein kompletter Stall eingerichtet. Nur ohne Tiere versteht sich. Und hier unten befindet sich auch ein Trull, ein in die Mauern eingelassener Behälter, in dem die Weintrauben fermentierten, aus denen die Leute ihren Wein für den hauseigenen Bedarf herstellten.

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Auf dem Rückweg kehren wir noch kurz in der kleinen Dorfkirche San Salvador ein. Ein einzigartiger Altar aus Stein ist der ganzze Stolz der Dorfbewohner.

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Doch am Besten gefällt mir eine Kirche, die eigentlich gar keine ist. Denn mitten im Dorf stehen wir plötzlich zwischen alten Säulen und Bögen, die in den blauen, offenen Himmel hineinragen. Juanjo erzählt mir die Geschichte dieser Kirche, l‘esglesia que va matar el fred (die Kirche, die von der Kälte umgebracht wurde).

Irgendwann im neunzehnten Jahrhundert beschlossen die Einwohner von Torrebesses, eine neue, größere Kirche zu bauen. Das Dorf war dermaßen gewachsen, dass die Gläubigen beim sonntäglichen Gottesdienst gar nicht alle Platz in der alten Kirche fanden. Die Kosten für den Bau wollte man gemeinsam tragen und jeder sollte seinen Anteil dazu beisteuern. Gesagt, getan. Der Bürgermeister Tomas Ballesté gab die Pläne in Auftrag und übernahm die Verantwortung für den Bau. Schon 1869 wurde der erste Stein des neuen Gotteshauses gelegt. Doch dann trafen drei lange, kalte Winter die Region. Mehrere Jahre hintereinander fiel die Olivenernte praktisch komplett aus! Die Dorfbewohner konnten ihren Anteil an den Kosten für die neue Kirche nicht aufbringen. Ballesté, als Verantwortlicher für den Bau, hatte selbst keine Einnahmen mehr. Er war ruiniert und verarmte. Die Kirche blieb eine Baustelle und wurde nie vollendet.

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Unglaubliche Geschichte, oder? Aber obwohl das Schicksal der Kirche eher traurig klingt, machten die Einwohner von Torrebesses das Beste aus dem Dilemma. Dort, wo einmal das Zentrum des Kirchenschiffs geplant war, befindet sich heute der Dorfplatz, auf dem Feste gefeiert, Konzerte veranstaltet und getanzt wird. Und ich finde, dieser Dorfplatz sieht wirklich schön aus!

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Infos zu Torrebesses:

Torrebesses liegt nur rund fünfundzwanzig Kilometer südlich von Lleida, in der Comarca Segrià. Es gibt eine nette Bar, in der man etwas trinken kann, aber keine Geschäfte und auch keinen Bankautomaten. Mehr Infos und Bilder findest Du auf der Webseite http://www.torrebesses.cat/ (auf Katalanisch).

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Mein Besuch in Torrebesses fand im Rahmen eines Blogtrips durch die Region Lleida statt.  

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