Zwischen den Meeren – von Otranto bis Leuca

Da wo die Adria in das Ionische Meer übergeht, liegt der östlichste Punkt Italiens. Heftiger Wind weht an diesem kühlen Januarmorgen am Leuchtturm bei Otranto, dem Faro di Punta Palascìa. Kleine Schaumkronen tanzen auf dem Meer. In der Ferne erkenne ich sogar die Schnee bedeckten Berge Albaniens. Zum Greifen nah scheint das andere Ufer hier zu sein. Zwischen Otranto und Leuca ist die Küste des Salento überall sehr rau und felsig. Im Laufe der Jahrtausende haben sich zwischen den wilden Klippen zahlreiche Grotten gebildet. Manche kann man vom Ufer aus erreichen, andere nur vom Wasser aus.

faro punta palascia leuchturm

santa cesarea terme

Immer wieder erheben sich überall an der Küstenstraße alte Wachttürme, die einst den Bewohnern als Warnsystem vor Gefahren dienten. Denn wie an allen Küsten des Mittelmeers, trieben auch hier früher die Piraten ihr Unwesen. Wenn die berüchtigten Angreifer einzelne Höfe oder ganze Dörfer überfielen, kannten sie keine Gnade. Sie raubten und brandschatzen. Die wenigen Orte, die direkt an der Küste lagen, wie Otranto oder Castro zum Beispiel, mussten daher gut befestigt sein.

Die meisten Siedlungen lagen weiter im Hinterland, geschützt vor den unmittelbaren Überfällen der Piraten. Kleine Bauernhöfe mussten hingegen selbst zusehen, wie sie sich vor Angriffen schützen konnten und erinnern daher oft an Mini-Festungen.

masseria salentotypische masseria fortificata im Salento

salento torre

Santa Cesarea Terme liegt genau zwischen zwei dieser alten Wachtürme, der Torre Minervino und der Torre Porto Miggiano. Das kleine Dörfchen muss zu Beginn des letzten Jahrhunderts ein beliebter Badeort gewesen sein. Eine Schwefelgrotte zog mit ihrem stinkenden aber sehr gesunden Wasser damals viele Badegäste an. Die Grotte und eine Therme gibt es noch immer, doch die Urlauber haben sich längst in angesagtere Ferienorte verzogen. Im Sommer kommen schon noch ein paar Besucher an die Strände und in die Badebuchten. Aber jetzt im Winter hält Santa Cesarea seinen Dornröschenschlaf.

Rund um den Palazzo Sticchi, an dem man Santa Cesarea schon von Weitem erkennt, treffen wir immer dieselben Leute. Schon nach einer Woche kennt man sich und grüßt freundlich bei einem Caffè an der einzigen geöffneten Bar, oder in dem kleinen Kiosk.

santa cesarea terme

santa cesarea terme

santa Cesarea terme villa sticchi salento

In Santa Cesarea haben wir uns für zwei Monate eingerichtet, um das Salento in Ruhe zu erkunden. Es ist ruhig und unaufgeregt hier. Zum Einkaufen geht es ins Nachbardorf nach Castro. Dort liegt der nächstgelegene Supermarkt. Die kleine Ortschaft zieht sich vom Hafen hinauf bis zur Burg, oben auf dem Hügel. Rund um die mächtige Festung, das Castello Aragonese, bilden kleine malerische Gassen die hübsche Altstadt von Castro.

castro salento

Es gibt eine nette Bar direkt an der Aussichtsterrasse, einen guten Weinladen und ein kleines Geschäft, in dem man von Hand gemalte Keramikteile kaufen kann, aus denen man sich dann sein eigenes Bild zusammen puzzelt. Hört sich jetzt vielleicht kompliziert an, sieht aber sehr niedlich aus.

Der Name der Burg lässt mich natürlich sofort an die Grafen von Barcelona denken, die ja im Mittelalter die aragonesische Königskrone trugen und weite Teile des Mittelmeeres eroberten. Doch so spontan konnte ich noch nicht herausfinden, unter welchem Herrscher die Burg nun zu ihrem Namen gekommen ist. Denn errichtet wurde sie lange vor der Herrschaft der Spanier und zu einer mächtigen Festung baute man sie erst aus, nachdem die goldene Ära der Grafen von Barcelona schon vorbei war.

burg castello aragonese castro

Viel spannender als die Burg finde ich eigentlich den Palazzo vescovile. Ein kleiner Palast, den man über einen Innenhof neben der Kirche erreicht. Im oberen Stockwerk empfängt uns ein netter älterer Herr im Malerkittel mit dem Pinsel in der Hand. Der Eintritt sei frei, winkt er uns fröhlich herbei. Ein Schildchen weist darauf hin, dass kleine Spenden gern genommen werden.

Der nette Herr ist gerade dabei, einem Ehepaar und einer Gruppe Pfadfinder die Räumlichkeiten und sein künstlerisches Schaffen hier zu erklären. Wir kriegen also nicht allzu viel von der Geschichte des Palazzo mit, aber auf Anhieb begeistert bin ich trotzdem. Offenbar muss sich der Herr Künstler oder vielleicht ist er auch der Küster, die Mühe gemacht haben, hier alles neu zu dekorieren. Fast wie eine Ausstellung, ein wenig abstrus aber auch wunderschön. Die bunten Fresken, Wandmalereien und die altmodische Einrichtung wirken zwar kitschig, aber irgendwie mag ich das trotzdem. Es passt hier einfach hin.

palazzo vescovile castro

palazzo vescovile castro  palazzo vescovile castro

Von Castro aus Richtung Süden kommt man bald nach Tricase Porto. Im Hafen des Städtchens Tricase liegt jahrein jahraus ein altes Segelschulschiff vor Anker. Durstige Enten schlürfen laut das süße Wasser, das von einer Art Zapfsäule am Hafenanleger tropft. Ein brummig aussehender Mann in dickem Pullover bedient einen Kran, mit dem er sein Boot aus dem Wasser hievt. Von der kleinen Bar aus kann ich das Geschehen im Hafen prima überblicken. Selbst jetzt im Winter ist das hier so etwas wie ein Treffpunkt der Einheimischen. Es gibt leckere kleine Brote, süße Kuchen und natürlich Caffè. Im Sommer kann man auch draußen sitzen und richtige Menüs bestellen. Aber dafür ist es mir jetzt doch zu frisch.

salento tricase porto hafen

Hinter der Bar schaukeln alte und neue Fischerboote im Hafenbecken. Weiter vorne befindet sich ein rot leuchtender Palazzo, in dem ein edel wirkendes Restaurant untergebracht ist. Direkt daneben baden tatsächlich Leute an einem kleinen Strand. Sie lassen sich von den Januartemperaturen nicht abschrecken und springen tatsächlich nur mit Badehose bekleidet ins kühle Nass. So ein kaltes Bad soll ja sehr gesund sein. Statt in den frischen Fluten zu schwimmen, spaziere ich aber lieber an der Hafenpromenade weiter, bis der betonierte Weg in eine vulkanisch anmutende Landschaft übergeht. Zwischen den grauschwarzen Felsen haben sich ganz viele kleine Wasserbecken gebildet, in denen sich nun der Himmel und die Wolken spiegeln.

salento tricase porto hafen

salento tricase porto hafen

salento tricase porto hafen

Marina Serra gehört offiziell ebenfalls noch zur Gemeinde von Tricase, ist aber dennoch ein eigenes kleines Dörfchen. Um hier ans Ufer zu gelangen, muss man sich durch ein paar kurvige, schmale Straßen den Weg ans Wasser bahnen. Unten angekommen steht man in einer regelrechten Mondlandschaft. In vielen Jahrhunderten hat sich das Wasser hier seinen Weg zwischen den Felsen gebahnt. An den geraden Kanten kann man erkennen, wo das Gestein von Menschenhand abgebaut worden sein muss, wie in einem Steinbruch. Doch die bizarren Bögen und Einbuchtungen hat die Natur höchstselbst geschaffen.

marina serra salento  marina serra salento

Es gibt unendlich viele dieser wunderschönen Stellen entlang der Küstenstraße. Leider können wir nicht an jeder Einzelnen anhalten. Denn irgendwann wollen wir ja auch in Leuca ankommen. Santa Maria di Leuca ist nämlich der südlichste Punkt unserer Route. Hier ist Italien sozusagen zu Ende. „Santuario di Santa Maria de Finibus Terrae“ steht darum auch über der Eingangspforte der Basilica, die sich oben auf dem Berg neben dem Leuchtturm erhebt. An den Besuch von Papst Benedikt vor ein paar Jahren erinnert eine Statue auf dem Platz neben der Kirche.

santa maria di leuca leuchtturm salento

santa maria di leuca basilica finibus terrae salento

Während wir einen kurzen Blick in das noch weihnachtlich dekorierte Gotteshaus werfen, ertönt aus irgendwo versteckten Lautsprechern erbauliche Musik. Nach dem ersten beschaulichen Kirchenlied staune ich nicht schlecht, als plötzlich ein fröhliches Jingle bells laut in meinen Ohren erklingt! Claudia grinst. Die Italiener sind da nicht so streng.

Neben der Kirche ist die Cascata Monumentale eine der Sehenswürdigkeiten Santa Maria die Leucas. Der prächtige Wasserfall ist das Ende des Aquädukts, das Mussolini einst erbauen ließ. Erst in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das wasserarme Apulien nämlich dank dieses Aquädukts mit Wasser versorgt. Die Grundwasserreserven im Boden reichten bei Weitem nicht für die Versorgung der Bevölkerung aus. Für die Menschen hier war die Fertigstellung damals sehr bedeutend und wurde entsprechend gefeiert.

Doch das prachtvolle Ende der alten Wasserleitung führt heute gar kein Wasser. Nur an besonderen Feiertagen wird die Cascata noch in Gang gesetzt und dann auch prachtvoll beleuchtet. An normalen Tagen wie heute kann man nur das steinige Flussbett zwischen den steilen Treppen erkennen. Sieht aber trotzdem irgendwie gut aus.

santa maria di leuca salento

Wer ein bisschen Action will, kann die jeweils 300 Stufen auf einer Seite hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauflaufen. Ich nehme allerdings lieber den kurzen Weg in die kleine Bar neben der Basilica. Während wir dort ganz entspannt einen Caffè trinken, huscht eine Nonne unauffällig um die Ecke. Es ist angenehm ruhig. Im Sommer drängen sich hier die gläubigen Pilger und Touristen wohl zuhauf, meint Claudia.

Doch jetzt im Winter finde ich es hier oben sehr gemütlich und beschaulich. Wir blicken auf den kleinen Ort mit seinen prächtigen Villen, die die Uferpromenade des Hafens säumen. Und wir bestaunen die Weite des Meeres. Auch wenn man sich um die genaue Grenze zwischen den Meeren streitet, spätestens hier ist die Adria zu Ende. Westlich von hier liegt das Ionische Meer.

santa maria di leuca salento

Der Legende nach hat die Sirene Leucasia hier einst mit ihren zwei Schwänzen einen fürchterlichen Sturm entfesselt. Die Lady aus dem Meer hatte sich nämlich in einen Hirten verliebt. Der junge Hirte erwiderte ihre Zuneigung jedoch nicht, weil er in Aristula verliebt war. Vor lauter Liebeskummer war die schöne Meerjungfrau so wütend, dass sie die Liebenden in die stürmenden Wassermassen hineinzog. Nachdem der Sturm sich beruhigt hatte, fand man die leblosen Körper des Hirten Melisso und seiner Geliebten Aristula auf den Felsen der Punta Meliso und der Punta Ristola.

Mehr Infos zum Salento:

Auf Claudias Blog penandsea.net findest Du noch mehr Geschichten aus dem Salento und auch aus den anderen Ecken Apuliens.

Dieter fährt auch gern ins Salento und schreibt auf Einfach raus u.a. über Castro.

Castello Aragonese Castro
Piazza Armando Perotti
73030 Castro LE (Salento)
Eintritt: 5 Euro

Artefatto – L’Idea in Terracotta
Piazza Vescovado, 2
73030 Castro LE (Salento)
Website: www.artefattolab.it

Bar Friggitoria Porto Vecchio
Via mare Adriatico
73039 Tricase Porto LE (Salento)

Nachtrag: 

Zu Castro gehört auch die im Sommer viel besuchte Grotte Zinzulusa. Der Name bedeutet im lokalen Dialekt so etwas wie Lappen, weil die Stalagmiten und Stalaktiten am Eingangsbereich die Einheimischen wohl wohl an Stofffetzen erinnert haben. Erstaunlicherweise ist die Höhle nicht mit dem Meer verbunden und liegt ungefähr 10 Meter über dem Meeresspiegel. Weil die Grotte durch einen unterirdischen Fluss entstand, ist das Wasser hier drin süß. Neben den typischen mehr oder weniger phantasievollen Formationen der Stalaktiten ist ein kleiner Wald aus Tropfsteinsäulen sehr hübsch. Die Besichtigung endet in einem großen Saal, in dem die Arbeiter, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts den meterhoch liegenden Dung der Fledermäuse einsammelten, mit eben jenem Guano ihre Namen und Jahreszahlen an die Felswände geschrieben haben.

In dem Teil der Grotta Zinzulusa, der nicht mehr für die Besucher zugänglich ist, sollen sich steinzeitliche Felszeichnungen und eine besondere, nur hier lebende Art kleiner Krebse finden.

zinzulusa grotte
zinzulusa Grotta

Grotta Zinzulusa
Via Zinzulusa
73030 Castro LE (Salento)
Website www.grottazinzulusa.it
Eintritt 6 Euro

Auch nördlich von Otranto gibt es noch ein paar wunderschöne Küstenabschnitte:

Grotta della Poesia:

Eine der am meisten fotografierten Grotten des Salento ist die Grotta della Poesia bei Melendungo. Angeblich soll der Zutritt in den Sommermonaten jetzt schon beschränkt worden sein, weil dann so viele Menschen hierher strömen. Im Winter ist es angenehm leer. Ein gutes Beispiel dafür, dass es echt Vorteile hat, außerhalb der Hauptreisezeiten unterwegs zu sein.

grotta della poesia salento

Baia dei Turchi:

An diesem schönen Sandstrand sollen einst die Osmanen gelandet sein, als sie Otranto überfielen. Der Name Baia dei Turchi ist geblieben. Man muss ein wenig durch dichtes Gebüsch laufen, um hierher zu gelangen. Doch die Wege sind gut ausgetreten und mittlerweile sogar ausgeschildert. Im Sommer soll es schnell voll werden. Jetzt im Winter sitzen an den Klippen rings herum die Angler und versuchen etwas zu fischen.

baia dei durchi

Mulino del acqua:

Versteckt hinter einem Campingplatz liegt dieses schöne Stück Küste. Früher muss hier wohl eine Wassermühle gestanden haben. Doch davon ist nichts mehr zu sehen. Im Sommer gibt es eine Treppe hinunter zum Strand.

mulino d'acqua bei otranto

Nicht weit weg liegt übrigens auch dieses Stück Küste bei Torre del Orso:

sant andrea salento puglia

7 Comments

  • Hallo Nicole,
    diese Ecke des Salento hat uns auch sehr gut gefallen. Deshalb haben wir bei jeder unserer Apulien-Reisen von unserer Unterkunft bei Mesagne einen Ausflug dorthin gemacht. Entdeckt haben wir dabei auch die Grotta Zinzulusa, die wir sehr schön fanden. Bei der Hitze im Sommer war die Besichtigung eine schöne Abkühlung. Nur die dort ebenfalls mögliche Tour mit dem Boot haben wir zeitlich leider nicht geschafft. Aber vielleicht kennst du sie ja?
    Liebe Grüße
    Martina

    • ja die Zinzusula ist direkt neben unserem Winterquartier! ich war immer Sommer schon mal am Eingang, bin aber bislang noch nicht drinnen gewesen. Sie steht aber definitiv noch auf meiner to-do Liste 🙂
      Liebe Grüße

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